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Ökonomische Blindgänger – die nächste Krise kommt bestimmt

In Politikwissenschaft on Oktober 27, 2009 at 11:43 pm

Nienhaus, Lisa (2009): Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden. Frankfurt a.M.: Campus. 18,90 €.

Noch ein Buch über die Finanzkrise und das Versagen der Ökonomen? Haben nicht Krugman, Akerlof und Shiller schon alles gesagt?
Alles nicht, und auch nicht so schön wie Lisa Nienhaus. Die ist Wirtschaftsredakteurin der FAS, kompetent, klug, jung und attraktiv, und erklärt uns leicht verständlich, warum die schlauen Herren aus der Männerdomäne der Ökonomie Blindgänger sind.

Lisa Nienhaus stellt ebenso treffende wie unbequeme Fragen an Wirtschaftswissenschaftler, die so katastrophal versagt haben. „Was ist schiefgelaufen unter den professionellen Prognostikern, den Propheten der Ökonomen, die erst den Zeitpunkt der Krise und später ihre Dramatik nicht erkannt haben?“ (S. 94) Und kritisch fragt sie weiter, „ob die Welt Prognostiker benötigt, die nur das Gleichmäßige vorhersagen können, nicht den Schock, die Krise, den Boom?“ (95) Eigentlich nicht.

Denn diese falschen Propheten gaukeln uns vor, dass die Vorhersagen immer genauer werden – mit Wachstumszahlen, die „meist auf die Kommazahlen genau angegeben“ (96) werden, und am Ende doch völlig daneben liegen. Hätten sie doch Talebs „Schwarzen Schwan gelesen“, in dem dieser Kommazahlen-Prognosen-Fetischismus ad absurdum geführt wird. Nienhaus hat Taleb gelesen und stellt nun berechtigte kritische Fragen.

Liegt es am Herdentrieb, dass sich kein großes Wirtschaftsforschungsinstitut „die Kritik aus vergangenen Jahren zu Herzen genommen und das Wachstum zum Beispiel nur noch auf halbe oder ganze Prozentpunkte genau prognostiziert“? (97) Warum hat sich kein Institut „von der Punktprognose verabschiedet, um bloß noch eine Tendenzprognose zu erstellen – nach dem Motto: Wann kommt der Umschwung?“ (97)

Die Gaukelei hat handfeste Gründe. Lisa Nienhaus scheut sich nicht, Ross und Reiter zu nennen. Es gibt für die volkswirtschaftlichen Propheten starke Anreize, punktgenaue Prognosen zu stellen: „Zum einen, um weiterhin im Geschäft zu bleiben. Denn die Politik – der größte Finanzier – fordert Genauigkeit von ihnen ein. Zum anderen, um in den Medien präsent zu sein. Denn Zeitungen und Rundfunk lieben Wahrsagerei, die von der Illusion wissenschaftlicher Exaktheit umgeben ist.“ Die preisgekrönte Wirtschaftsjournalistin, Trägerin des Ludwig-Erhard-Förderpreises, kennt ihr Metier bestens, und sie macht kein Geheimnis daraus, sondern entzaubert die Geheimniskrämer als plumpe Materialisten: „Für die Prognostiker ist es gut, häufig zitiert zu werden und Interviews zu geben, um ihren Expertenstatus zu erhalten, ihre wissenschaftliche Kompetenz zu demonstrieren – und damit weiterhin private und öffentliche Mittel für ihre Forschung zu bekommen“. (97) So banal es klingt, so einfach ist manchmal die Welt.

Dabei will Bundeskanzlerin Merkel, so weiß es Nienhaus, diese falsche Exaktheit gar nicht. Und so werden seit 2008 auch Prognosen mit Bandbreiten angegeben. Von Konfidenzintervallen ist die Rede.

Lisa Nienhaus ist ein bisschen skeptisch, wenn es um die Lernfähigkeit der Ökonomen geht. Es gebe erhebliche Beharrungskräfte. Andererseits sieht sie auch positive Entwicklungen, die Revolution in der Wissenschaft sei längst im Gange. Notwendig seien neue Methoden, neue Theorien und ein neues Selbstverständnis. Vor allem die Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaft und der Neuroökonomie müssten integriert werden.

Ja, es wäre gut, wenn die Ökonomen sich änderten, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

Der Verlag hat den Untertitel „Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“ gewählt. Das ist plakativ. Lisa Nienhaus formuliert differenzierter und optimistischer und setzt auf Besserung: dass alte Strukturen aufgebrochen und neue Erkenntnisse genutzt werden – und auf ein neues Menschenbild.

„Es ist also keineswegs alle Hoffnung verloren, dass die Ökonomie jemals versteht, was die Menschen und damit die Wirtschaft wirklich bewegt“. (133)

Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.

Armin König

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  1. […] die Bewertung dieses  Buches angeht, zitiere ich Armin König vom Blog Politbuch, der zu folgendem Fazit kam: „Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus […]

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