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Geißlers Abschied vom Kirchenglauben – Christsein ohne Rechtfertigungslehre

In Politikwissenschaft on April 30, 2018 at 7:30 pm

Abschied vom Kirchenglauben – Christsein ohne Rechtfertigungslehre
Heiner Geissler: Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?

Diese kleine Streitschrift ist eine Provokation für die Kirchen, ja eine Bombe. Sie ist Heiner Geißlers Vermächtnis. Er stellt in seiner letzten Streitschrift die Gotteslehre der katholischen und der evangelischen Kirche radikal in Frage. Der Jesuitenschüler, Sozialpolitiker, Publizist und Ex-CDU-Generalsekretär, der am 12. September 2017 starb, schreibt kritisch: »Angesichts de Wirklichkeit auf dieser Erde muss man an Gott zweifeln. Kann man aber auch daran zweifeln, dass es Gott nicht gibt? Nicht zweifeln, das haben wir gesehen, kann man daran, dass es den Gott, wie ihn die christlichen Theologen darstellen, nicht geben kann.«
Die entscheidende Frage für den Zweifler Geißler lautet: »Warum hat Gott das Übel nicht verhindert?« Es ist eine uralte Frage, immer wieder gestellt. Geißler stellt sie in den Zusammenhang der Moderne des 21. Jahrhunderts – schlägt aber auch den Bogen über di Jahrhunderte bis hin zu Luther, Augustinus und Paulus.
Auf rund 70 Seiten stellt Geißler so viele ketzerische Fragen, dass Leser zwangsläufig selbst ins Zweifeln kommen. Und wer zweifelt nicht angesichts der Katastrophen, Krankheiten und Kriege? Geißlers Streitschrift ist hoch politisch. Er verknüpft Kreuzzüge, Missbrauchsfällte, Hexenverbrennungen, Folter, Unterdrückung und Leid mit der Gottesfrage. Und er bringt wie Dawkins die Naturwissenschaften in Stellung gegen eine anachronistische udn nicht schlüssige Theologie.
»Ist Gott der ganz andere?« fragt er ketzerisch.
Geißlers Streitschrift ist auch eine fulminante Abrechnung mit dem Geist des Neoliberalismus, mit George W. Bushs völkerrechtswidrigem Golfkrieg, mit Magret Thatchers Neoliberalismus, mit »Politgangstern«.

Seine Folgerungen:
»Die Sündentheologie des Martin Luther, die Erbsündenlehre des Paulus und Augustinus und die Rechtfertigungsdogmen beider Kirchen, die den Menschen alle Schuld zuschieben, sind nicht maßgebend für das Christsein und versperren den Weg zu einem möglichen Gott.«
Der Zweifler Geißler, der bis zu seinem Tod trotz aller Zweifel Christ bleiben wollte, lehrt einen anderen Weg: Nächstenliebe.
Sein Fazit:
»Die Nächstenliebe, das heißt die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind, sprengt nationale kulturelle und religiöse Grenzen. Sie gilt allen Menschen unabhängig von Klasse, Rasse, Geschlecht, Nation und Vermögen. Zwei Milliarden Menschen bekennen sich als Christen zu Jesus. Sie sind die größten Global Player der Welt. Ihrer Führer könnten die treibende Kraft für eine neue, gerechte Welt sein.«
In Zeiten von Trump wäre dies nötiger denn je.
Aber Christen sollen dies nicht von der Couch aus beobachten.
Er fordert von Christen Aktion. Sie sollen sich nach Kräften für eine bessere Welt einsetzen. »Wir können versuchen, unserem Leben und dem anderer dadurch einen Sinn zu geben, dass wir den Pfusch dieser Welt selbst beseitigen. Statt Waffen zu produzieren, können wir für den Frieden arbeiten, Notleidenden helfen, Forschung betreiben, umweltverträgliche und energiesparende Techniken entwickeln sowie weitere Medikamente und Therapien erfinden, um Krankheiten zu heilen. Mit einem Wort: die Lebensbedingungen der Menschen verbessern.«
Dazu kann jeder nach seinen Talenten beitragen.
Wenn er will.

Geißlers Stimme fehlt in diesen Tagen. Seine kleine Streitschrift aus dem Jahr 2017 ist heute aktueller denn je.

Heiner Geißler: Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss? : Fragen zum Luther-Jahr / Berlin: Ullstein. 80 Seiten. ISBN 978-3-550-05006-0 Broschur : EUR 7.00 (DE).

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