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Gemeinwohl–Geraune, Reproduktion und Identität – Peter Schmitt-Egners merkwürdige Einwürfe

In Politikwissenschaft, Sachbuch on August 31, 2018 at 8:24 pm

Der Kapitalismus ist unter Druck geraten, und mit ihm auch der Neoliberalismus. Die Fratze des Eigennutzes zeigt sich in immer neuen Skandalen.

Das wären eigentlich hervorragende Voraussetzungen für die Wiederentdeckung einer Leitidee des Gemeinwohls. Und so habe ich mit Interesse das Buch eines Wahl-Saarländers zur Hand genommen, das sich diesem Thema intensiv widmet. Peter Schmitt-Egner will hoch hinaus mit seinem „Gemeinwohl“-Buch, das im Nomos-Verlag erschienen ist: Es müssen schon konzeptionelle Grundlinien zur Legitimität und Zielsetzung von Politik im 21. Jahrhundert sein. Aber ach: Es ist mühsam, wenn nicht quälend, dieses Buch durchzuarbeiten. Dabei wäre es so einfach. Doch Schmitt-Egner macht es sich und uns unnötig schwer. Und manches ist auch schwer konsumierbar. Da gibt es Gemeinwohl-Geraune im Umfeld von Reproduktionstheorie und Identität. Das klingt schon nach einem rechten Geschmäckle. Dabei wäre es so einfach: Gemeinwohl heißt, die Ressourcen zu schonen, die Kultur zu bewahren, dem fairen sozialen Wirtschaften zum Durchbruch verhelfen.  Aber der Autor macht es umständlich und kompliziert, erfindet eine Theorie, die er mit Eigenzitaten unterlegt. Und er lässt viele Fragen offen.

Natürlich geht es um Macht und Herrschaft. Aber wem dient sie, und wer bestimmt dies? Wer definiert Gemeinwohl? Die großen Themen Sozialkapital, Partizipation und Public Value spielen bei Schmitt-Egner leider keine Rolle – und das bei so vielen Seiten Theorie, die ausschweifend ausgebreitet wird.

Wittgensteins berühmter Satz aus dem Tractatus logico-philosophicus ist vielfach zitiert worden – hier darf er angebracht werden: „Alles was überhaupt gedacht werden kann, kann klar gedacht werden. Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen.“ (Wittgenstein, Tractatus, 4.116)

Und: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Gewiss sollte man sich über eine Reproduktions-Kultur-Identitäts-Gemeinwohl-Bestimmung  entweder klar aussprechen, wie man sich von reaktionären Theorien abgrenzt – oder schweigen.

49 Euro kostet das Buch. Dafür kann man schon gut essen gehen. 

Das klingt zwar eigennützig, dient aber dem Gemeinwohl, wenn man die heimische Gastronomie und den Lieblingskoch oder die Lieblingsköchin damit stärkt.

 

 

Peter Schmitt-Egner: Gemeinwohl. Konzeptionelle Grundlinien zur Legitimität und Zielsetzung von Politik im 21. Jahrhundert. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Forschungsstand Politikwissenschaft); 285 S.; 49,- €; ISBN 978-3-8487-1488-9

 

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Die Bürgerkommune in der digitalen Transformation – die große Revolution?

In Politikwissenschaft, Sachbuch on August 30, 2018 at 9:57 pm

Rezension: Dr. Armin König

Die digitale Transformation wird Deutschlands Behörden stark verändern. Auswirkungen hat dies vor allem bei Städten und Gemeinden. Die Kommunen sind die ersten Ansprechpartner der Bürgerinnen und Bürger. Vom Personalausweis über An- und Abmeldungen, Grundsteuern und Gewerbesteuern bis hin zu standesamtlichen Urkunden, von Bauvoranfragen bis hin zu Gestattungen reichen die direkten Behördenkontakte der Einwohner. Damit spielen Veränderungen durch Digitalisierung nicht nur für die Beschäftigten der Verwaltung eine Rolle, sondern auch für die Bürger in der Kunden-, Nutzer-, Adressaten und Mitgestalter-Rolle. Fast die Hälfte aller Behördenvertreter sehen in einer Umfrage der Hertie School of Governance den Wunsch der Bürger nach Digitalisierung der wichtigsten Kommunal-Dienstleistungen als Herausforderungen an.

Das war Anlass für den 22. Europäische Verwaltungskongress (evk) in Bremen, sich unter dem Motto »Die Bürgerkommune in der digitalen Transformation« intensiv mit Digitalisierung, Kommunen und Bürgerbeteiligung auseinanderzusetzen. Aus diesem Kongress ging das Buch »Die Bürgerkommune in der digitalen Transformation – Verwaltung, Verwaltungsdienstleistungen und Bürgerbeteiligung in Zeiten von 4.0« hervor. Herausgeber sind Jürgen Hartwig und Dirk Willem Kroneberg.

Aufbau und Ziele

Die Herausgeber haben die zehn Beiträge zu diesem Sammelband auf zwei große Kapitel aufgeteilt:

  • Digitale Transformation: Verwaltung 4.0 und
  • Verwaltungsdienstleistung und Bürgerbeteiligung in der digitalen Transformation

»Das Ziel des Buches ist es insbesondere,

  • die Herausforderungen, Chancen und Möglichkeiten für öffentliche Verwaltung und Staat in der Digitalen Transformation und
  • anhand praktischer Beispiele die Erfordernisse und Möglichkeiten der Transformation unter Einbeziehung der Bürger, aber auch von Verwaltungsangehörigen aufzuzeigen.« (2017, 5)

 

Inhalt

Digitale Transformation: Verwaltung 4.0

Zunächst behandeln Jürgen Hartwig und Dirk Willem Kroneberg grundsätzlich die Herausforderungen für Kommunen in Zeiten der digitalen Transformation.  Es geht um Entgrenzung, Beschleunigung, »Veränderung der Beziehungsstrukturen durch transparente Informationen und breit gefächerte Beziehungen z.B über soziale Medien« (6), die Entflechtung digitaler und physischer Leistungen (ggf. mit internationaler Diversifizierung) sowie »Wissen und Innovation, Kreativität als die entscheidenden Ressourcen im Wettbewerb« (6).

Dass die Digitalisierung in Verbindung mit der Globalisierung umfassende Folgen hat, ist eine Binsenweisheit. Manuell Castells hat dies schon zu Beginn des Jahrtausends vorausgesagt. In Staat, Wirtschaft und Gesellschaft ist mit massiven Umbrüchen zu rechnen. Schließlich hat die digitale Revolution Auswirkungen auf nahezu alle Lebensbereiche. Die Transformation hat erhebliche kritische Sicherheitsaspekte, denn es geht um hoch sensible Daten und Netze, sie verändert Produkte und Prozesse, sie gibt Algoritmen die Steuerungsgewalt über Entscheidungen und Alternativen, sie zwingt Unternehmen zu fundamentalen Veränderungen und ermöglicht andererseits neue Wertschöpfungsketten, neue Serviceangebote, smarte Kundenangebote und Mitgestaltungsmöglichkeiten für Kunden.

Ob die Verwaltungen diese Entwicklungen nachvollziehen, ist nicht zuletzt eine Frage politischer und administrativer Entscheidungen. Vermutlich können sie sich dem nicht entziehen. Hartwig und Kroneberg zitieren Carly Fiorina (Ex-CEO von HP) und Timotheus Höttges (Telekom) mit den Worten, dass alles, was digitalisiert werden kann, auch digitalisiert werde und dass alles miteinander vernetzt werde, was vernetzt werden könne. Damit dürften sie Recht behalten.

Für die EU-Kommission ist dies schon jetzt klare Sache.

In einer Mitteilung der Kommission (EU-eGovernment-Aktionsplan 2016-2020) heißt es:

»Elektronische Behördendienste (eGovernment-Dienste) können dazu beitragen, Verwaltungsverfahren zu erleichtern, die Qualität der Dienstleistungen im öffentlichen Sektor zu verbessern und die Effizienz der internen Verfahren öffentlicher Einrichtungen zu erhöhen. Digitale öffentliche Dienste verringern den Verwaltungsaufwand der Unternehmen sowie der Bürgerinnen und Bürger, da sie den Umgang mit den Behörden schneller, effizienter, bequemer, transparenter und kostengünstiger machen. Darüber hinaus kann die Nutzung digitaler Technologien im Rahmen der Modernisierung der Behörden weitere sozioökonomische Vorteile für die gesamte Gesellschaft bringen. Die Digitalisierung der Verwaltung ist für den Erfolg des Binnenmarktes daher von zentraler Bedeutung.«

Und weiter heißt es:

»Die Behörden und sonstigen öffentlichen Stellen in der Europäischen Union sollten bis 2020 offene, effiziente und inklusive Einrichtungen werden, die grenzübergreifende, personalisierte, nutzerfreundliche und – über alle Abläufe hinweg – vollständig digitale öffentliche Dienste für alle Menschen und Unternehmen in der EU anbieten. Zur Entwicklung und Erbringung besserer Dienstleistungen, die sich an den Bedürfnissen und Erwartungen der Menschen und Unternehmen orientieren, sollen innovative Ansätze genutzt werden. Dabei sollten die Behörden von den mit dem neuen digitalen Umfeld verbundenen Möglichkeiten Gebrauch machen, die ihnen die Interaktion mit den einzelnen Interessengruppen und anderen öffentlichen Einrichtungen erleichtern.«

Hartwig und Kroneberg weisen darauf hin, dass Deutschland international mäßig abschneidet. Der Nachholbedarf ist groß, der Ausbaustand von Breitband und eGovernment ist unbefriedigend. Die Zersplitterung der Prozesse und Online-Angebote im föderalen deutschen System ist ein weiterer Hinderungsgrund. Martini  hat dafür plädiert, dass alle Staatsebenen wegen der überragenden Bedeutung der Digitalisierung künftig an einem Strang ziehen, die Bundeskanzlerin hat am 22. August 2018  einen Digitalrat berufen: »Ein kleines, schlagkräftiges Gremium“, wünscht sich Bundeskanzlerin Merkel. Mit Frauen und Männern aus der Praxis, »die uns antreiben, die uns unbequeme Fragen stellen«.

Hartwig und Kroneberg fordern die Kommunen auf »Motor der digitalen Transformation« zu sein, die Bürger dabei einzubeziehen (»als Kunde, als Mitgestalter, als Ratgeber, als Tester, aber auch als Mahner und Warner – und als Treiber«, 19). Sie sollten sich innovativ digital neu aufstellen unter Beachtung von Chancen und Risiken.

 

Wie Hartwig und Kroneberg Bürgerkommunen definieren

Anders als Roß & Roth (2018), die KGSt (2014) oder König (2018) definieren Hartwig und Kroneberg die Bürgerkommune sehr »soft«. Die Anforderungen an eine Bürgerkommune bleiben reichlich vage, die Hürden sind allzu leicht zu überspringen – insbesondere im Vergleich zu den visionären Vorstellungen von Roß und Roth.

»Die Bürgerkommune

  • ist das örtliche Gemeinwesen unter dem Blickwinkel der Dienstleistung durch die Kommune‘ und ihre öffentliche Verwaltung.
  • ist der Ort, der sich nicht nur durch repräsentative demokratische Formen das politische Engagement der Bürger/-innen in der Kommunalpolitik sichert, sondern auch durch direkte Beteiligungsformen den Sachverstand der Bürger/-innen als Expertinnen und Experten an der Entwicklung des Gemeinwesens sichert und
  • es ist der Ort, in dem das freiwillige Bürgerengagement für die unmittelbare Entwicklung des Gemeinwesens auf vielfältigsten Gebieten nicht nur begrüßt, sondern auch gefördert wird.«  (Hartwig & Kroneberg, 4)

Mit dieser Definition sind die Autoren leider nicht auf der Höhe der Zeit. Aber im Gesamtbild der Beiträge ist dies zu verkraften.

Klaus Lenk wirft Schlaglichter auf die Bedeutung der digitalen Transformation in Staat und Verwaltung und fordert, in einer offenen Entwicklung die Digitalisierung zu steuern und politisch zu verantworten,  »damit sich gemeinsame Erwartungen der Menschen auf eine lebenswerte Zukunft überhaupt noch bilden können« (Lenk, 39). Er will sich nicht abfinden mit einem weit reichenden Rückzug des Staates und mit der »von ahnungslosen Zeitgenossen gefeierte[n] ›Disruption‹, mit der ganze Branchen wie das Taxigewerbe abgeräumt und durch monopolistische Strukturen von Betreibern sogenannter Plattformen ersetzt werden soll, welche … Menschen in Abhängigkeit drängen«. (39). Gerade der Rückzug des Staates (oder das von politischer oder wirtschaftlicher Seite gewollte Zurückdrängen) erschwere verantwortbare Gestaltung der Veränderungen. »Unsere Zukunft hängt davon ab, wie diese Fragen angegangen werden. Und sie hängt davon ab, was sich im Kleinen, auf der Ebene der Bürgerkommune bewegen lässt, und in welche Richtung.« (39)

Manfred Becker untersucht Arbeit, Beschäftigung und Bildung in der Arbeitswelt allgemein und in der  Verwaltung 4.0 im Besonderen. Wenn er von der drohenden Eruption von Geschäftsmodellen und Branchen schreibt, von unsicheren Märkten, von der »Eroberung der Welt durch die Digitalisierung« (44), dann ist dies ein Alarmsignal, denn die »Digitalisierung dringt weitgehend ungefragt in alle Lebensbereiche ein und verändert das Leben der Menschen als Beschäftigte, Kunden und Bürger nachhaltig« (44). Weil die Entwicklung unumkehrbar ist,  lässt er sich von der Frage leiten, ob und wie digitale Transformation trotz all dieser Herausforderungen gelingen kann. Der Mensch in der Verwaltung müsse Willens- und Gestaltungsfreiheit und Souveränität bewahren,  um nicht zum Spielball cyber-physischer Systeme (46) zu werden. Ein riesiges Problem sei die Ahnungslosigkeit der Bürger. »Die cyber-physische Zukunft teilt die Menschen in Wissende und in Ahnungslose.« (46). Dabei sei die Vierte Industrielle Revolution allumfassend und schließe alle Lebensbereiche ein. »Vorrangiges Ziel von Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften muss es sein, das Wissen um die digitale Revolution zu mehren, Transparenz zu fördern und Unwissenheit und Ängste abzubauen.« (47)

Es wird neue Anforderungen an Beschäftigte im Öffentlichen Dienst geben, das ist für Becker offenkundig. Eine Gruppe werde cyber-physische Systeme entwickeln, eine andere Gruppe werde sie bedienen und Aufträge abarbeiten.

»Die fachlichen Anforderungen umfassen insbesondere Daten-, Netzwerk-, Cloud- und Prozessbefähigung«, meint Becker (52). Er geht davon aus, dass es künftig »Stellenbündel« oder »Jobcluster« gibt, in dem Tätigkeiten und Anforderungen gebündelt werden. Anstelle der engen Fachexperten treten die flexiblen Netzwerker: »Die persönlichen Anforderungen konzentrieren sich auf Kooperations- und Kollaborationsfähigkeit, auf Netzwerkbefähigung, Denken in Zusammenhängen und Ambiguitätstoleranz. Als weitere Befähigungen kommen die Fähigkeiten im Umgang mit Komplexität, Dynamik und Unsicherheit hinzu, weil die Echtzeit-Philosophie der Verwaltung 4.0 fortgesetzt Veränderungen hervorruft, die lernend bewältigt werden müssen.« (Becker 52)

Becker erwartet Beschäftigungsverlust in der Verwaltung 4.0 (54) und Beschäftigungsgewinne. Dass einerseits Verwaltungsaufgaben auf den Bürger übertragen werden, die er vollelektronisch erledigt (siehe Steuererklärung) sei ebenso absehbar wie de Wegfall von Doppeleingaben und Doppelstrukturen, von Koordinations- und Moderations- und Führungsaufgaben. Auch die Straffung interner Dienste sei zu erwarten. Hier werde die Verwaltung unter Druck geraten.

Geradezu visionär sind Beckers Vorstellungen zu Beschäftigungsgewinnen. Er sieht einen Aufgabenzuwachs im Bereich des »Personal-Nudging« (56), der Berufs- und Lebensberatung. Gerade unsichere Zeiten erforderten »Bürger-Paten, Lebenslagen-Navigatoren, Krisen-Coaches, Gesundheitslotsen, Bildungsmediatoren« (56).

Sein dringender Appell: Wir dürfen die Welt nicht den IT-Spezialisten als elitäre Gruppe überlassen, die als einzige »den Code der neuen Welt verstehen und verwalten« (80)

Ulrich Kuron, Dorothee Schäfer und Erika Voigt definieren Gestaltungsansprüche an Arbeit und Leben im digitalen Wandel und führen die Leser in die faszinierende Welt von Dynamic Facilitation ein.

Dynamic Facilitation ist eine offen moderierte Gruppendiskussion, die auf die Kreativität der Teilnehmer setzt. Die Methode hebe sich ab von konventionellen, linearen Moderationsstrukturen. Das Ergebnis ihrer umfassenden dynamischen Moderationen fassen sie so zusammen:

»Die Rahmenbedingungen in Unternehmen und Organisationen müssen sich verändern. Zunehmende Geschwindigkeit und Komplexität führen zu Stress, Herausforderungen und krisenhaften Situationen. »Damit wird Resilienz zur wichtigen und langfristigen Konstante gesunder und nachhaltig erfolgreicher Unternehmen bzw. Organisationen« (Kuron, Schäfer & Voigt, 109).

Notwendig sei eine Organisationsstruktur, »in der Hinfallen erlaubt und Aufstehen geübt wird« (109)

Das werde zu einem tiefgreifenden Wandel der Führungsstrukturen und der Organisation führen.

Sie nennen es Digital Leadership:

»Flache Hierarchien, Selbstorganisation und -steuerung anstelle von Kontrolle ein positives Menschenbild mit hoher Wertschätzung, Kommunikation und Verständigung sowie neue Arbeitsorte sind zentrale  Stichworte und bilden die kulturelle Grundlage für den nachhaltigen digitalen Wandel von Unternehmen und Organisationen Damit ist erkennbar, dass  eine erfolgreiche Digitalisierung der Arbeitswelt vom Menschen und nur bedingt von der Technologie  abhängig ist.« (109)

Der kongressbekannte Franz-Reinhard Habbel darf »Wir sind’s! Bürgerkommunikation im Zeitalter der Digitalisierung« schreiben. André Claaßen hält das aktuelle eGovernment mit seinen Portallösungen für nicht mehr zeitgemäß. Sein Ruf »Alexa, mache einen Behördengang!« zeigt schlaglichtartig, in welche Richtung neue Dienstleistungen in Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft oder als Auftrag der Zivilgesellschaft zu erledigen wären. Nach dem Vorbild real existierender Plattformen wie Amazon und Zalando fordert er eine neue und einheitliche Infrastruktur für Behördenleistungen mit »gemeinsamen Basiskomponenten und einem sicheren Datenaustausch von Behördendaten auf allen Ebenen des Föderalismus.« (138)

Dafür braucht es eine »robuste Infrastruktur«  und digital kompetente Bürger (144).

Fundamental ist auch, was Herbert Kubicek fordert: »Bessere öffentliche Dienstleistungen durch offene Daten« (146). Es wäre die Weiterführung dessen, was die Aarhus Konvention als Magna Charta der Informationsfreiheit im Bereich der Umweltdaten vorgezeichnet hat. Bessere Umweltpolitik durch offene, transparente Daten. Es wäre das Ende der anachronistischen alten Geheimhaltungsverwaltung.

Abgerundet wird das Buch von der Entwicklung eines digitalen Stadtteilführers für und mit älteren Menschen (Herbert Kubicek, Juliane Jarke und Ulrike Gerhard), einem Beitrag von Jutta Croll zu »Medienkompetenz als Schlüssel gesellschaftlicher Partizipation« (208) und einem Beteiligungsmanagement-Tool von Christian Davepon und Dominik Wörner, die leider Bürgerkommune auf Konsultation reduzieren. Das ist nicht im Sinne des Erfinders.

 

Fazit

Ein problembewusstes Buch, das die extreme Dynamik der digitalen Transformation und ihre Bedeutung für die Verwaltung deutlich macht. Nichts bleibt wie es ist in Zeiten von 4.0 – die Bürgerkommune mit umfassender Teilhabe, Open Data, Dienstleistungsqualität und ehrenamtlicher Mitarbeit kann diese Transformation erleichtern. 

Die Menschen haben den Schlüssel dafür, dass die Veränderungen human ablaufen. Sie dürfen sich nicht den Maschinen überlassen, den cyber-physischen Systemen.   

Das Buch sensibilisiert dafür.

Wie so oft bei Sammelbänden sind die Beiträge auch hier heterogen. Das spricht andererseits für Vielfalt.   

 

Jürgen Hartwig; Dirk Willem Kroneberg (Hg.) (2017)

Die Bürgerkommune in der digitalen Transformation – Verwaltung, Verwaltungsdienstleistungen und Bürgerbeteiligung in Zeiten von 4.0

241 Seiten. Münster: Lit-Verlag. ISBN 9783643138613

 

 

 

 

Engagement und Zivilgesellschaft – starke Kommunen durch Bürgerteilhabe

In Politikwissenschaft on August 22, 2018 at 9:55 pm

16 Millionen Menschen engagieren sich ehrenamtlich in Deutschland. Das ist ein gewaltiges Potenzial. Die meisten Ehrenamtler engagieren sich, weil es Freude macht, aber natürlich spielen auch Altruismus und Interessen eine Rolle – ebenso wie Sinngebung. All diesen Fragen geht der Sammelband »Engagement und Zivilgesellschaft« auf den Grund : eine wahre Fundgrube.

Der Sammelband »Engagement und Zivilgesellschaft« analysiert in elf Kapiteln inklusive Einleitung den Zusammenhang zwischen bürgerschaftlichem Engagement und demographischem Wandel. Es geht schwerpunktmäßig um den Beitrag des Engagements zur lokalen Entwicklung. Es handelt sich um ein Addendum zum Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung, der 2016 fertiggestellt wurde und enthält zum Teil unveröffentlichte Gutachten, Teile des Engagementberichts und wichtige Erläuterungen.
Herausgeber dieses Sammelbandes sind Thomas Klie, der Vorsitzenden der Sachverständigen-Kommission war, und Anna Wiebke Klie, die die Geschäftsstelle der Kommission leitete.

Grundlagen und politischer Rahmen
Demografie findet statt, daran ändert auch die Zuwanderung nichts. Phänomene wie die Alterung der Gesellschaft, die Singularisierung, die Heterogenisierung sowie altersbedingte Probleme in Vereinen ländlicher Regionen sind seit Jahren akut. Deshalb war es sinnvoll, den Zweiten Engagementbericht der Bundesregierung unter das Motto »Demografischer Wandel und bürgerschaftliches Engagement: Der Beitrag des Engagements zur lokalen Entwicklung“ zu stellen. Über zweieinhalb Jahre dauerte die Arbeit Sachverständigen-Kommission, der exzellent besetzt war.

Mit den nun vorgelegten Expertisen und Debatten von Thomas und Anna Wiebke Klie zum Zweiten Engagementbericht haben sowohl Wissenschaftler als auch Praktiker aus dem Verbands- und Vereinswesen, engagierte Bürger sowie kommunale Entscheider umfassendes Material, um die Herausforderungen auf kommunaler Ebene anzunehmen.

Inhalt

Nach einer Einführung in Auftrag, Anliegen und Arbeitsweise der Zweiten Engagementberichtskommission (Thomas Klie) stellen Renate Köcher und Wilhelm Haumann empirische Daten zu zivilgesellschaftlichen Engagement dar. Dabei kommen sie zum Ergebnis, dass der engere Kreis der Ehrenamtliche etwa ein Fünftel der Bevölkerung umfasst (Köcher & Haumann, 2018, 21). Das wären rund 16 Millionen Menschen in Deutschland. Noch größer ist der Kreis der Engagierten, wenn man zum engeren Kreis der Ehrenamtlichen noch den »Kreis der Aktiven« zählt, also die weniger fest gebundenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeit, die angeben, »entweder ein Ehrenamt zu haben oder ohne Amt in Gruppen und Organisationen mitzuarbeiten bzw. regelmäßig oder auch gelegentlich einer ›freiwilligen Tätigkeit‹ nachzugehen.« (Köcher & Haumann, 19) Die Autoren kommen zum Ergebnis, dass sich der Kreis der freiwillig Engagierten in Deutschland zwischen 2009 und 2014 beträchtlich erhöht habe – von 36 auf 44 Prozent der Bevölkerung, Gestützt wird dies durch die empirischen Daten des Freiwilligensurveys. Dazu haben sicher öffentliche Diskussionen zum Ehrenamt, die bewusste Ansprache von Frauen und jungen Menschen, die Akquirierung rüstiger Ruheständler und lokale politische Aktivitäten beigetragen (vgl. Köcher & Haumann, 32) Verblüffend ist im kirchlichen Bereich, dass die Mitgliederzahlen der großen Kirchen zwar kontinuierlich sinken, die Engagementquote aber deutlich steigt. Die, die drin bleiben, sind engagierter. Entgegen diversen Schlagzeilen, dass Bürger sich nicht mehr in Vereinen binden wollen, zeigen empirische Untersuchungen, »dass der größere Teil der Engagierten nach wie vor ein längerfristige Tätigkeit anstrebt und auch realisiert« (Köcher & Haumann, 39) Erstaunlich ist auch das Ergebnis der Geschlechterrollen. Frauen sind zwar selbstbewusster geworden. Die Zahl von Frauen in Leitungspositionen im Ehrenamt liegt aber nur bei 22 Prozent aller engagierten Frauen, während sie bei Männern die Quote bei 33 Prozent liegt (Köcher & Haumann, 48). Ausgesprochen positiv ist allerdings der Befund, dass langfristig das Engagement von Frauen überproportional gewachsen ist. Die meisten Ehrenamtler engagieren sich, weil es Freude macht (73 % als Hauptmotiv). Auch altruistische Motive und Fragen der Bereicherung und der Sinngebung des Lebens spielen eine wesentlich Rolle. Nachholbedarf gibt es entgegen landläufiger Vermutungen im Ehrenamt für Ältere und Hochbetagte. Weitere wichtige Themen dieses Kapitels sind das Engagement von Jüngeren, die Erziehung zum Engagement, die Schichtzugehörigkeit als Faktor der Engagementquote, das Engagement von und mit Personen mit Migrationshintergrund und für Flüchtlinge sowie die Einbettung des Engagements in die Kommunen, die damit enormes Potenzial erhalten, um die Daseinsvorsorge zu garantieren. natürlich spielt auch die Rolle der Vereine, Verbände und Stiftungen eine Rolle.
Das dritte Kapitel ist dem Thema »Engagement und Bildung« gewidmet – und seinem 2016 verstorbenen Protagonisten Thomas Olk. Der Professor für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Uni Halle hat über Jahrzehnte seine Fachdisziplin und den Fachdiskurs über die Bürgergesellschaft und über Soziale Arbeit maßgeblich geprägt. Mit seinen Statements zur Notwendigkeit zivilgesellschaftlichen Engagements und seinen Forschungen zu Ermöglichungsstrukturen hat er Zeichen gesetzt. Erinnert sei in diesem Zusammenhang an sein Engagement in der durch den deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements und der damit einhergehenden Gründung und Etablierung des Bundesnetzwerkes bürgerschaftliches Engagement. Das Kapitel zu Engagement und Bildung ist sein Vermächtnis.
Seine Analyse ist wie immer brillant: »Die steigende Politikdistanz relevanter Bevölkerungsteile, das Phänomen der Pegida-Demonstrationen, die vermeintliche Politikverdrossenheit junger Menschen, Phänomene von Vandalismus und ungerichteter Gewalt sowie die Aktivitäten (rechts-)extremistischer Gruppierungen machen darauf aufmerksam, dass die Fähigkeit zum Nachvollziehen und Verstehen politischer Vorgänge sowie die Bereitschaft und Fähigkeit zur alltagspraktischen und politischen Teilhabe und Mitgestaltung keineswegs im Selbstlauf entstehen.« (Olk 2018, 107) Olk war überzeugt, dass bürgerschaftliches Handeln Normen, Werte und Orientierung braucht und dass entsprechende Haltungen und Handlungen »lebensbiografisch erlernt werden müssen. Dabei ist eine freiheitliche, demokratische und offene Gesellschaft auf solche in der Lebenswelt stattfindenden … demokratierelevanten Bildungsprozesse angewiesen.« (Olk, 107) Man muss diese Bildungsarbeit aktiv fördern, insbesondere in den Kommunen. »Denn die demokratische Gesellschaft und das demokratische Institutionensystem können nur überleben und mit Leben gefüllt werden, wenn es Bürgerinnen und Bürger in genügender Anzahl gibt, die zur aktiven und selbstbestimmten Teilhabe und Mitgestaltung dieser Gesellschaft und ihre Institutionen bereit und in der Lage sind.« (Olk, 107)
Gleichzeitig ist festzustellen, dass es in Familie und Gesellschaft grundlegende Veränderungsprozesse gibt, die sowohl soziologisch als auch demografisch und politisch zu begründen sind. Dazu gehören auch »Veränderungen in den Mustern familiärer Lebensführung sowie die Austrocknung sozialmoralischer Milieus« (Olk, 107). Olk sah »die Entdeckung des bürgerschaftlichen Engagements als einer Lern- und Bildungswelt – und somit als einer Gelegenheit für Kompetenzerwerbungsprozesse« (Olk 108) als aktiven Prozess, der »weit mehr als die Wissensvermittlung in formalen Bildungsinstitutionen umfasst«. (Olk 108) Er empfahl der Bundes- und der Landesebene in seinem Vermächtnis, Bildung im bürgerschaftlichen Engagement und durch bürgerschaftliches Engagement »einen zentralen Stellenwert« (Olk 152) in der öffentlichen und fachlichen Diskussion zu geben. Außerdem setzte er sich für klare und verbindliche rechtliche Grundlagen ein, um Bildung im bürgerschaftlichen Engagement und durch bürgerschaftliches Engagement zu verankern und »Kitas, Schulen, Jugendeinrichtungen, Universitäten und weiteren Bildungsinstitutionen sowie engagierten Akteuren Orientierung und Handlungssicherheit zu geben.« (Olk 153) Darüber hinaus müsse »Civic Education … auch in dien Förderrichtlinien und Landeskonzepten zur Entwicklung von Ganztagsschulen klar und eindeutig« (Olk 153) verankert werden, sowie durch Modellprojekte und Modellregionen Leuchttürme zu schaffen. Man müsse »nicht nur in Projekte, sondern auch in Strukturen investieren« (Olk 155) Für ihn war der Aufbau einer nachhaltigen Förderung der Infrastrukturen und des bürgerschaftlichen Engagements auf Bundes-, Landes und kommunaler Ebene von fundamentaler Bedeutung. Den Städten und Gemeinden empfahl er lokale Leitbilder für die kommunale Bildungslandschaft, klare politische Beschlüsse in den Gremien, Vernetzung vor Ort und Anerkennung und Unterstützung engagementsfördernder Einrichtungen.
Nahtlos schließt sich das Kapitel von Paul-Stefan Roß und Roland Roth zur Bürgerkommune an. Sah das Thema nach einem »toten Pferd« (Roß & Roth 163) aus, so sehen beide Autoren einen »neuen Schub durch jene Debatten, die nicht zuletzt unter dem Eindruck von Kontroversen um Großprojekte wie Stuttgart 21 unter der Chiffre Bürgerbeteiligung geführt werden« (Roß & Roth 164) Das Thema hat also Potenzial, denn: »Bei ihrer Suche nach konzeptioneller Orientierung werden Städte und Gemeinden nach wie vor bei dem fündig, wofür das Leitbild Bürgerkommune steht« (Roß & Roth, 164). Sie sehen die eigentliche Bürgerkommune als „ambitioniertes zivilgesellschaftliches Reformprojekt« (Roß & Roth, 191) und gehen dabei weit über die Kommunalpolitik hinaus. Das ist visionär, aber auch völlig unrealistisch. Realistisch sind allerdings die Entwicklung differenzierter Modelle »dialogorientierter und direktdemokratischer Beteiligungsformen« (Roß & Roth, 194) sowie die Aufwertung von Spielräumen bei de Beteiligung. In diesem Zusammenhang ist auch das neue Leitbild der KGSt zur Bürgerkommune von 2014 zu nennen. Es umfasst Open Government, E-Partizipation, Transparenz und Kollaboration.
Um »Daseinsvorsorge aus rechtswissenschaftlicher Perspektive« geht es im sechsten Kapitel, das von Thorsten Ingo Schmidt geschrieben wurde. Er dokumentiert den rechtlichen Kerngehalt der kommunalen Daseinsvorsorge im Sinne einer Existenzsicherung der Bürgerinnen und Bürger, stellt ihn aber auch in ein Spannungsfeld auf der Ebene des Europarechts. Schmidt sieht die Verpflichtung zur Daseinsvorsorge im Konflikt mit Diensten von allgemeinem wirtschaftlichen Interesse, zumal die Daseinsvorsorge eins ehr deutscher Spezialbegriff ist. Andererseits betont er die Garantie kommunaler Selbstverwaltung auf der Ebene des europäischen Primärrechts durch Art. 4 EUV.
In Kapitel sieben analysieren Baldo Blinkert und Thomas Klie Indikatoren zivilgesellschaftlichen Engagements in Europa und stellen fest, dass es zwischen den Ländern erhebliche Unterschiede gibt. Zivilgesellschaft wird als gelungene Gesellschaft wahrgenommen und drückt sich in Good-Governance-Faktoren aus: »Effektivität des staatlichen Gewaltmonopols, Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit als sozialer Ausgleich, Offenheit und Partizipationschancen«. (Klie & Klie, 5). Wenn dies gewährleistet ist, findet ein selbstverstärkender Prozess statt: gute Strukturen für Teilhabe und zivilgesellschaftliches Engagement erhöhen die Mitwirkungsbereitschaft, stärken Sozialkapital und fördern den Zusammenhalt. Auch umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wo fördernde Strukturen fehlen, erlahmt zivilgesellschaftliches Handeln.
Beim Beitrag »Migration und Engagement« (Kapitel 8 ) von Anna Wiebke Klie handelt es sich um eine Langfassung des gleichnamigen Kapitels aus dem Zweiten Engagementbericht. Klies Beitrag macht deutlich, dass Engagementförderung und Integrationspolitik verzahnt und abgestimmt werden müssen und dass es notwendig ist, die öffentlichen Debatten zu versachlichen. Das ist allerdings ein wohlfeiler Rat in schwierigen Zeiten. Daran schließt sich konsequenterweise das Kapitel »Flüchtlinge und Engagement« von Adalbert Evers und Anna Wiebke Klie an. Es ist ein schwieriges Kapitel mit ebenso schwierigen Begriffen wie Willkommenskultur und »kontrollierte Abwehr« (Evers & Klie 514). Eine aktive Zivilgesellschaft meine »mehr als nur Helfergruppen und Ehrenamtler« (514). Es gehe auch um »anwaltlich agierende Gruppen, Zivilcourage und Initiativen, die geeignet sind, eine zivile Streitkultur zu bewahren« (514).
Den Abschluss bilden die Themen »Verantwortung und Identität vor Ort« (Martina Wegner & Thomas Klie) sowie ein Kapitel über Bedeutung und Perspektiven der Engagementberichterstattung der Bundesregierung (Thomas Klie und Michael Hüther).

Fazit

Der Sammelband »Engagement und Zivilgesellschaft« liefert umfassendes und sehr gut aufbereitetes Material zum großen Thema Engagement und Zivilgesellschaft und ermuntert Wissenschaftler, als auch Praktiker aus dem Verbands- und Vereinswesen, engagierte Bürger sowie kommunale Entscheider, sich des Themas Bürgerbeteiligung anzunehmen und strukturierte nachhaltige Förderung zu garantieren.

Dr. Armin König / Ellen Küneke

Thomas Klie & Anna Wiebke Klie (Hrsg.): Engagement und Zivilgesellschaft: Expertisen und Debatten zum Zweiten Engagementbericht. Wiesbaden: Springer VS. ISBN 9783658184742. 79,99 Euro.