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Unter Linken – eine vergnügliche Polemik von einem, der dem linken Sauertopf entstieg und aus Versehen fröhlich konservativ wurde

In Sachbuch-Bestenliste on Juli 5, 2009 at 10:48 pm

Jan Fleischhauer (2009): Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Reinbek: Rowohlt. 16,90 €

Lessing war ein brillanter Polemiker. Sein Anti-Goeze ist noch heute ein Glanzlicht deutscher Polemik. Und auch in seiner Hamburgischen Dramaturgie teilte er ordentlich aus.

Aber es gibt auch eine Neue Hamburgische Dramaturgie, und die beherrscht Jan Fleischhauer, exzellenter Schreiber und glänzender Polemiker, ausgezeichnet. Elegant und rasant, wie Fleischhauer das Florett führt und seine Pieken auf die Gralshüter linker Politik setzt. Chapeau, monsieur! Auf Seiten der Linken heulen die Getroffenen wie erwartet auf – und reagieren nicht nur pikiert, sondern zuweilen auch grob, wie wir der Presseschau und dem „unter-Linken-Blog“ entnehmen. Es ist immer wieder das alte Spiel: Die Wächter des rechten (linken) Glaubens verstehen keinen Spaß, wenn es um Fundamentaltheologie linker Politik geht.

Linkssein ist offenbar immer noch eine Ersatzreligion. Wer im politischen Geschäft aktiv ist, erlebt es noch immer und immer wieder – es hört nicht auf, dieses Moralapostolat, dieses Denunziantentum gegenüber Freigeistern, die sich nicht der linken Political Correctness unterwerfen wollen.

Fleischhauer beschreibt seine Sozialisation in dieser Hamburgischen Ersatzreligion treffend: „Die SPD war in meiner Familie weit mehr als ein Zusammenschluss Gleichgesinnter, sie galt bei uns als eine Art politischer Heilsarmee, die Deutschland von den Resten des Faschismus reinigen und in eine bessere, gerechtere, demokratischere Zukunft führen würde. Sie stand für das Gute im Land, sie verkörperte in der Summe ihrer Mitglieder und Anhänger gewissermaßen die in Deutschland verfügbare Gutherzigkeitsmenge.“ (10)

Es tut gewiss weh, so charakterisiert zu werden.

„Vielleicht redeten wir deshalb auch nie von der SPD als SPD, sondern immer nur von der Partei, so wie in katholischen Haushalten andächtig von der Kirche gesprochen wird, eine von mehreren überraschenden Parallelen zwischen linker und christlicher Welt, wie ich später feststellen konnte.“

Das Moralapostolat wirkte bis in die Imbisskost. Der gute Jan musste ohne Coke und ohne Pepsi, ohne Nesquik und ohne Zitrusfrüchte aufwachsen, weil die politisch nicht korrekt waren. Aber : „Man kann auch ohne Nesquik und Zitrusfrüchte eine glückliche Kindheit verleben“. (13)

Nach seinem Studium erlebte Fleischhauer sein Paulus-Erlebnis, dafür sorgte der konservative Altmeister der Sprachkritik: Wolf Schneider. Jeder gute Zeitungsvolontär hat irgendwann Schneiders „Deutsch für Profis“ studiert. Dass der große alte Wolf Schneider den jungen Fleischhauer nicht nur gelehrt hat, Deutsch für Profis zu schreiben, sondern auch genau zu beobachten und gut zu analysieren, freut uns. Ohne ihn wäre Fleischhauer vielleicht nicht auf den Pfad der Tugend geraten. Auch ich habe Schneider einiges zu verdanken. Deshalb kann ich Fleischhauers fliegenden Wechsel auch gut nachvollziehen.

Er nimmt die Leser mit auf seine politische Abenteuerreise.

Fleischhauer beschreibt, dass es in „der Meinungswirtschaft“, in der er sein Geld verdient, „praktisch nur Linke“ gebe. Das stimmt weitgehend, die Konservativen gehen meist auf Tauchstation. „Die Linke hat gesiegt, auf ganzer Linie, sie ist zum Juste Milieu derer geworden, die über unsere Kultur bestimmen“ (14).

Dass dies so ist, bewiesen diverse Verrisse von Fleischhauers Buch. Besonders rechthaberisch kommt Frau Dr. Julia Encke von der FAS daher, die auch noch erläutern muss, dass ihre Kritik als Totalverriss gedacht und ironisch geschrieben sein. Hei, wie wir das lieben: Beiträge, unter denen in dicken Lettern zu lesen ist: Achtung Satire!

Natürlich kann man der Meinung sein, dass man all die Argumente schon mal gelesen hat: Von der „Erfindung des Opfers“ – viele Linke fühlen sich fälschlicherweise als Opfer irgendwelcher Verhältnisse -, über linken Neid, den Sonnenstaat, den Sozialdemokraten und Gewerkschafter gern aufbauen – Lafontaine war dabei besonders konsequent – , bis hin zum gestörten Verhältnis der Linken zu den Juden und zur Larmoyanz einer sozialdemokratisch oder gewerkschaftlich sozialisierten Funktionärsschicht. Fleischhauer lässt nichts aus, bedient sich auch gern diverser Klischees aus dem Stehsatz der Polemik. Die Kritik muss er aushalten. Auch hätte das Buch getrost 100 Seiten weniger haben können (es hat 350).

Aber eines stimmt:

So schön und so fröhlich hat noch keiner, der dem linken Sauertopf entstieg, dem juste Milieu linker Rechthaber die Leviten gelesen. Das Buch eignet sich als exzellent als Grundlage für politischen Small- und Big Talk – und als Geschenk für Linke und Konservative. Nur Medienmenschen sollte man es eher nicht schenken, die nehmen’s womöglich persönlich. Gell, Frau Encke?

(c) Armin König 2009

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Sachbuch-Bestenliste Politbuch Juni 2009

In Politikwissenschaft on Juni 14, 2009 at 9:03 pm

1. Ulrich Schäfer (2009): Der Crash des Kapitalismus. Warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte. Frankfurt/M. : Campus-Verlag. € 19,90

2. Jan Fleischhauer (2009): Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Reinbek: Rowohlt. € 16,90

3. Klaus Bednarz (2009): Ferne und Nähe. Aus meinem Journalistenleben. Reinbek: Rowohlt.

4. George A. Akerlof / Robert J. Shiller (2009): animal spirits : Wie Wirtschaft wirklich funktioniert. Frankfurt: Campus-Verlag. 24,90 €

5. Paul Krugman (2009): Die neue Weltwirtschaftskrise. Frankfurt/New York: Campus-Verlag. € 24,90

6. Edgar Wolfrum (2009): Die Mauer. Geschichte einer Teilung. München: C.H. Beck.

7. Thomas L. Friedman (2008): Was zu tun ist – Eine Agenda für das 21. Jahrhundert. Frankfurt /M.: Suhrkamp. € 24,80

8. Colin Crouch (2008): Postdemokratie. Frankfurt/M: Suhrkamp.

Sachbuch-Bestenliste Politbuch Mai 2009

In Politikwissenschaft, Sachbuch-Bestenliste on Mai 23, 2009 at 10:58 am

1. George A. Akerlof / Robert J. Shiller (2009): animal spirits : Wie Wirtschaft wirklich funktioniert. Frankfurt: Campus-Verlag. 24,90 €

2. Jan Fleischhauer (2009): Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde. Reinbek: Rowohlt. € 16,90

3. Thomas L. Friedman (2008): Was zu tun ist – Eine Agenda für das 21. Jahrhundert. Frankfurt /M.: Suhrkamp. € 24,80

4. Daniel Pennac (2009): Schulkummer. Köln: Kiepenheuer & Witsch. € 18,95

5. Paul Krugman (2009): Die neue Weltwirtschaftskrise. Frankfurt/New York: Campus-Verlag. € 24,90

6. Ulrich Schäfer (2009): Der Crash des Kapitalismus. Warum die entfesselte Marktwirtschaft scheiterte. Frankfurt/M. : Campus-Verlag. € 19,90

7. Stephan Bröchler / Hans-Joachim Lauth (Hrsg. )(2008): Politikwissenschaftliche Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. € 49,90

8. Edgar Wolfrum (2009): Die Mauer. Geschichte einer Teilung. München: C.H. Beck.

Paul Krugman: Wir sitzen alle in der Falle

In Politikwissenschaft on Mai 17, 2009 at 4:50 pm

Paul Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise. Frankfurt/New York: Campus-Verlag. € 24,90.

Es sind nur vier simple Sätze über einen Vorfall, wie er jeden Tag in irgendeiner S-oder U-Bahn oder im Regionalzug vorkommen kann: Unter dem Titel „We’re trapped!“ schreibt der Autor: „Currently on a train. ‚All doors will not open at this station,‘ says the conductor. OK, I know he means ’not all doors will open.‘ But it does bother me.“ Wenn der Autor aber Paul Krugman heißt und die Sätze in seinem Blog bei der New York Times auftauchen, gewinnen sie eine ganz eigenartige Bedeutung. Krugman ist nicht nur einer der brillantesten Kolumnisten unserer Zeit, er ist auch Wirtschaftsnobelpreisträger und Princeton-Professor und Weltfinanzkrisen-Erklärer, und das nicht erst seit gestern. Keiner versteht es, komplizierte wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge so zugespitzt zu formulieren, dass es Politiker und Banker schmerzt, die Wahrheit so ungeschminkt zu lesen.

Wenn Paul Krugman von „Politik der Unvernunft“, größenwahnsinnigen „Masters of the Universe“, „Greenspans Blasen“ und „bösartiger Vernachlässigung“ systemimmanenter Risiken spricht, dann klingt dies sicher schrill in den Ohren von Präsidenten, Ministern, Zentralbankern, Managern. Aber es ist die Wahrheit: Krugman bringt auf den Punkt, woran das System krankt. An Selbstüberschätzung und Arroganz der Protagonisten, an Gier, an der „Verführung zum Risiko“ (81), an kurzsichtigen und mitunter korrupten Politikern (81), an faulen Krediten, an Intransparenz, an Blasenbildungen – und am Irrglauben, alle Rezessions- und Depressionsrisiken im Griff zu haben. Trotz aller Komplexität kann der Blogger und Kolumnist Krugman dies gut erklären.

Eigentlich hat er es 1999 schon erklärt, denn eigentlich ist „Die neue Weltwirtschaftskrise“ kein neues Buch. Es geht zurück auf das zehn Jahre alte Buch „The Return of Depression Economics“, das in Deutschland unter dem Titel „Die große Rezession“ (Campus-Verlag) erschienen ist. Es ist eine exzellente Darstellung der Finanzkrisen in Lateinamerika und Fernost – Krisen, die die Welt schon vor zehn Jahren an den Rand einer großen Depression geführt hatten. Krugman hat es jetzt in der aktuellen Weltwirtschafts- und Finanzkrise um Greenspans Zinspolitik, die katastrophalen Folgen eines unkontrollierten Schattenbanksystems und die neu aufgekommene Furcht vor einer gewaltigen Depression ergänzt, nachdem jetzt auch die Immobilienblase geplatzt ist.

Das Fazit, das Krugman zieht, ist wenig schmeichelhaft: Die Mächtigen der Welt und des globalen Finanzsystems haben aus dem Desaster der 1990er Jahre nichts gelernt. Im Gegenteil: Es ist alles nur noch schlimmer geworden durch den Verzicht auf Regulierung eines hypertrophierten und intransparenten Systems. Die Erkenntnis des Nobelpreisträgers: Es waren nicht nur die Banken, die das Desaster verursacht haben, sondern die Schattenbanken, die in gleicher Funktion global aktiv waren, allerdings ohne lästige Kontrollen, was ganz im Sinne der Protagonisten eines entfesselten Kapitalismus und seiner Förderer war. Und es waren Regierungen wie die Bush-Administration, die die Schulden- und Geldmarkt-Exzesse zugelassen haben. Um immer mehr Wachstum zu generieren und immer höhere Profite zu erzielen, wurden immer waghalsigere Kreditpakete geschnürt. Auch die Kreditvergabe wurde immer leichtsinniger, vor allem bei Immobilien. Ständig steigende Häuserpreise sorgten für irrationalen Überschwang. „Man gewährten den Käufern Kredite, ohne eine Anzahlung – oder allenfalls eine geringe – zu verlangen, und mit Monatsraten, die weit über dem lagen, was sie sich leisten konnten, oder die spätestens dann unerschwinglich werden würden, wenn der anfängliche niedrige Lockvogel-Zins stieg“, kritisiert Krugman (175). Man könnte diese zweifelhafte Kreditvergabe unter der Rubrik „Subprime“ zusammenfassen. Doch für Krugman ist dies zu kurz gedacht; stattdessen sagt er, „das Phänomen reicht weit über den Kreis der zweitklassigen Kreditnehmer hinaus. Und es waren nicht nur Hauskäufer mit geringem Einkommen oder aus ethnischen Minderheiten, die sich mehr aufbürdeten, als sie schultern konnten; es war ein allgemeines Phänomen“ (175).

Milton Friedman als geistiger Vater konnte sich bestätigt sehen: Die „unsichtbare Hand des Marktes“ funktionierte offensichtlich und sorgte weltweit für glänzende Geschäfte. Alan Greenspan beschleunigte als Katalysator einer ungesteuerten Expansion den Geldrausch und beließ es auch dann noch bei niedrigen Zinsen, als die Arbeitslosigkeit historisch niedrig und ein gewisser Überschwang erkennbar war. Bank- und Hedgefondsmanager drehten als gierige Spieler im globalen Spielcasino floatender Kapitalströme ein immer größeres Rad in einer rauschenden Party und schoben sich selbst immer höhere Gehälter und Boni zu.

„Am 19. Juli 1007 kletterte der Dow Jones Index erstmals auf über 14.000 Punkte. Vierzehn Tage später gab das Weiße Haus ein ‚Merkblatt‘ heraus, das stolz die Leistung der Wirtschaft während der Amtszeit der Regierung Bush anpries: ‚Die wachstumsfreundliche Politik des Präsidenten hilft, unsere Wirtschaft stark, flexibel und dynamisch zu erhalten‘, hieß es dort.“ (193)

Risiken wurden versteckt und ausgelagert in Zweckgesellschaften; immer häufiger wurden auch Bewertungen geändert oder gar Bilanzen frisiert. Der Kapitalismus lief wie geschmiert – trotz der kurz zuvor geplatzten Dotcom-Blase m Neuen Markt. Alan Greenspan wurde als Superstar verehrt – bis das gigantische Schneeballsystem zusammenbrach und lawinengleich über die Märkte fegte. Es begann am 9. August 2007, als die französische Bank BNP Paribas drei ihrer Fonds schloss und damit die erste große Finanzkrise des 21. Jahrhunderts auslöste, eine Krise, die den Kapitalismus in ihren Grundfesten erschüttert hat.

„Zyniker sagten, Greenspan habe nur deshalb Erfolg gehabt, weil er die Aktienblase durch eine Häuserblase ersetzte – und sie hatten Recht.“ (178) Als die Häuserblase platzte, „waren die Folgen weit schlimmer, als man es sich je hatte vorstellen können“ (179).

Was folgte, war ein Super-Gau des Kapitalismus, der bis heute nicht bewältigt ist und der durch hausgemachte Fehler noch verstärkt wurde. Für Krugman war es ein kapitaler Fehler, Lehman Brothers pleite gehen zu lassen. Und nun sitzen alle in einer Falle, aus der es derzeit kein Entkommen gibt. „‚All doors will not open at this station,‘ says the conductor.“

Was Keynes-Anhänger Krugman jetzt verlangt, sind gewaltige Regierungsanstrengungen – nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, insbesondere in Deutschland. Die bisherigen Maßnahmen reichten nicht. Zu befürchten sei, sagt Krugman unter Berufung auf Stephen Jen (Morgan Stanley), dass eine harte Landung in den Schwellenländern zu einem „zweiten Epizentrum“ werden könnte. (205)

Der Nobelpreisträger beklagt die „Machtlosigkeit der Politik“ (209) und fordert zusätzliche Finanzspritzen, um die lahmende Wirtschaft in Schwung zu bringen, in der Hoffnung, die schwerste globale Rezession seit den frühen achtziger Jahren doch noch in den Griff zu bekommen. (209)

Und weil Angela Merkel und Peer Steinbrück nicht tun, was Krugman verlangt, liest er ihnen ordentlich die Leviten. Die Politiker in Deutschland müssten erkennen, „dass in Europa genau wie in den Vereinigten Staaten mittlerweile ein Depressionslima eingezogen ist, in dem die normalen Regeln nicht mehr gelten“. (9) Sich jetzt an „die Orthodoxie zu klammern“, sei „hochgradig destruktiv – für Deutschland, Europa und die Welt.“ (9) Der Keynesianismus sei „der Schlüssel, um die derzeitige Lage zu begreifen und mit ihr fertig zu werden.“ (8)

Ob das richtig ist und hilft, muss die Geschichte beweisen. Ich bin nicht der Auffassung. Aber das ist hier nicht relevant. Wichtig ist, dass Krugmans Analyse folgerichtig entwickelt ist. Sie kann richtig sein. Für die jetzige Situation gibt es allerdings keine Blaupause. Aber es gibt historische Vorbilder für gewaltige Depressionen, die es zu vermeiden gilt.

Krugmans Analyse ist exzellent begründet, pointiert formuliert und leicht verständlich, so dass auch Politiker und Banker ihre Lehren daraus ziehen können. Der Nobelpreisträger bringt auf den Punkt, woran das System krankt. Auch wer kein Keynesianer ist, wird das Buch mit Gewinn lesen. Und ich bin auch nach dieser Lektüre noch kein Keynesianer. Anders als andere Rezensenten bin ich der Auffassung, dass die Neuauflage wesentliche neue Aspekte für die Leser liefert.

Allerdings wünschen wir uns nach dieser aktualisierten und erweiterten Auflage von 1999 ein neues Buch von Krugman, das in die Zukunft weist. DER Beststeller steht noch aus…

(c) 2009 Armin König
www.arminkoenig.de

Europa nicht ohne uns – Wie das Bürgerprojekt gelingen kann

In Europa, Politikwissenschaft on Mai 3, 2009 at 9:10 pm

Efler, Michael / Häfner, Gerald / Huber, Roman / Vogel, Percy et al. (2009): Europa: nicht ohne uns! : Abwege und Auswege der Demokratie in der Europäischen Union. Hamburg: VSA-Verlag. € 9,80

Die Demokratisierung der EU steht im Mittelpunkt des Buches von Michael Efler, Gerald Häfner, Roman Huber und Percy Vogel vom Verein „Mehr Demokratie e.V.“. Der Verein ist dafür bekannt, dass er sich für mehr Bürger-Partizipation, die Einführung des bundesweiten Volksentscheides in Deutschland, moderne Wahlverfahren und Informationsfreiheit einsetzt. Ziel ist eine lebendige Demokratie und eine politische Kultur, die Dialog und Beteiligung der Bürger fördert. Genau dies kann „Mehr Demokratie“ bei der EU nicht erkennen. So werde die Debatte über den Lissabon-Vertrag ohne die Bürgerinnen und Bürger geführt. Klarer Kommentar dazu: „Das kann nicht gut gehen. Vielmehr ist eben diese Abschottung der Debatte gegenüber den Menschen in Europa und die einseitige Kommunikation, die mit diesen über Fernseh- und Medienansprachen geführt wird, eine sichere Voraussetzung für ihr Scheitern“. (7)
Damit aber wollen sich die Autoren nicht zufrieden geben. Denn „Demokratie ist ein kostbares Gut. Generationen haben um und für sie gekämpft“. (7)
Die Autoren stellen sehr fair den Weg der Europäischen Einigung bis hin zum Vertrag von Lissabon dar und beschreiben ihn als Prozess, bei dem „den Bürgern sukzessive ihre Einflussmöglichkeiten genommen“ (39) wurden. Das kann nicht befriedigen. Der Lissabon-Vertrag ist nach Ansicht der Autoren nur auf den ersten Blick demokratischer als das bisherige System mit seinen intransparenten, unverständlichen Regelungen. Es ist inzwischen herrschende Meinung, dass auch der Lissabon-Vertrag „inhaltlich schwer verständlich“ ist. Zu Recht kommentieren die Autoren: „Wir halten mangelnde Verständlichkeit für einen zulässigen Grund, gegen eine Vorlage zu stimmen, denn Allgemeinverständlichkeit ist eine wichtige Voraussetzung für die Demokratie“. (39) So sei schon „der Weg, der für die Reformierung und Ratifikation der Verträge eingeschlagen wurde, eine sukzessive Absage an die Demokratie“ (41) gewesen. Die positiven Aspekte der Reform reichten nicht aus, ein Ja der Brgerinnen und Bürger „als vernunftmäßig zwingend darzustellen“ (41) – im Gegenteil: „Im Ergebnis steht die EU nicht demokratischer, sondern weniger demokratisch da.“ (39)
Die Autoren belassen es aber nicht bei Kritik. Sie machen konkrete Vorschläge, wie aus ohnmächtigen Zuschauern der EU-Politik aktiv mitwirkende Bürger werden können – im Sinne des Grundsatzes, das alles Staatsgewalt auch in Europa vom Volke ausgeht.
Ein zentrales Element ist ein demokratischer Konvent für Vertragsreformen zukünftiger EU-Verträge (118-119). Dieser Konvent soll direkt gewählt werden. Außerdem soll der jeweils neue Vertragsentwurf in Referenden zu Abstimmung gestellt werden. Damit hätten die Bürger das letzte Wort. Dabei handelt es sich um „die Verlagerung der Kompetenzkompetenz von den Regierungen zu den Bürgern“ (119). Als positives Beispiel wird die Verfassungsreform des Schweizer Kantons Zürich 1999 bis 2006 angeführt. „Die Arbeit des Konvents müsste demokratisch gestaltet und sowohl für alle Mitglieder der Versammlung als auch nach außen transparent sein.“ (121)
Auch in der Frage der Zuständigkeiten haben die Autoren klare Vorschläge. Sie plädieren für ein föderales System, das diesen Namen verdient: „Aus unserer Sicht wäre es wichtig und sinnvoll, eine deutliche Dezentralisierung von Zuständigkeiten vorzunehmen und die Grenzen der EU klar zu definieren. So wäre ganz im Sinne des Subsidiaritätsgedankens sichergestellt, dass Kompetenzen immer von der kleinstmöglichen Einheit wahrgenommen werden, sodass auch innerstaatliche föderale Ebenen weiter ausreichende Befugnisse hätten“. (155)
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Punkte überhaupt. Damit könnte die Identifikation mit der EU deutlich verbessert werden.
Die Autoren sind sehr kreativ. So wollen sie den Bürgern das Recht geben, europäische Gesetze selbst vorzuschlagen (Initiativrecht, 156) „und sie in einem Bürgerentscheid zu beschließen (Beschlussrecht)“. Außerdem hätten die Bürger ein Vetorecht gegenüber Gesetzen des Europäischen Parlaments und der Staatenkammer (Fakultatives Referendum), „zukünftige Änderungen des EU-Grundlagenvertrags würden sogar obligatorisch zum Volksentscheid gestellt“. (156)
Außerdem sollen die Richter des EuGH gewählt werden, um deren Unabhängigkeit zu stärken. Die Reformen gingen vor alle zu Lasten der Kommission. Die soll vom EP gewählt werden und vorwiegend Verwaltungsaufgaben wahrnehmen.
Alle Reformen stehen unter der Prämisse einer stärkeren Partizipation der Bürger, einer besseren Gewaltenteilung. Die Vision des Buches ist das demokratische Europa.
Die aktuelle Legitimationskrise der Europäischen Union zwingt dazu, die Frage nach einer demokratischen Reform Europas neu zu stellen. „Europa: nicht ohne uns!“ liefert substanzielle Beiträge für eine Demokratisierung und für eine stärkere Legitimierung des Projekts Europas, das im Sinne einer nachhaltigen europäischen Friedensordnung alternativlos ist. Das Buch ist als Diskussionsgrundlage uneingeschränkt zu empfehlen.

© Armin König 2009

Die Geburt des Post-Kapitalismus – Willkommen im 21. Jahrhundert mit Akerlof und Shiller

In Politikwissenschaft on April 27, 2009 at 10:10 pm

George A. Akerlof / Robert J. Shiller (2009): animal spirits : Wie Wirtschaft wirklich funktioniert. Frankfurt: Campus-Verlag. 24,90 €

Kaum ein anderes Wirtschaftsbuch hat in jüngster Zeit so viele Reaktionen ausgelöst: „animal spirits“ von George A. Akerlof und Robert J. Shiller ist eines der wichtigsten Bücher dieses Frühjahrs – meinungsfreudig, unkonventionell, provozierend. Die beiden Ökonomieprofessoren wollen mit Hilfe der „Behavioral Economics“ erklären, „wie Wirtschaft wirklich funktioniert“. Das ist ein hoher Anspruch. In wesentlichen Feldern lösen sie ihn auch ein, und damit widerspreche ich ausdrücklich Rezensenten, die dem Buch Defizite attestieren.

Akerlof und Shiller sagen: Wirtschaft funktioniert instinktgesteuert, nicht rational. Man erzählt uns Geschichten.(246) Aber diese epistemische Rationalisierung ist nicht die Wahrheit. Es ist eine Fiktion. Vergessen wir also all die klugen Erklärungen für das tägliche Auf und Ab an den Börsen. Vergessen wir auch die Analysten. Wenn es ernst wird, liegen sie kläglich falsch. Wirtschaft ist keine empirische Wissenschaft, sondern höchst subjektiv und zufallsabhängig. Herdentriebe sind stärker als Rationalität.

Die beiden Neo-Keynesianer erklären, „inwiefern mangelndes Wissen über die grundlegenden Funktionsweise der Wirtschaft zu gegenwärtigen Desaster geführt hat“ (13). Gleichzeitig lasten sie den Zusammenbruch der Kreditmärkte und den Kollaps der Realwirtschaft massiven Vertrauensbrüchen und korruptem Verhalten eines unfairen, gierigen, arglistigen Managertypus an, der im Lauf der letzten Jahre immer mehr an Einfluss in einer globalisierten Wirtschaft gewonnen hat.

Nachdem die prominenten Ökonomieprofessoren die Rolle der Geldmarktpolitik, der Zentralbanken und des Staates neu im Sinne der „animal spirits“ erläutert haben, plädieren sie für einen aktiven Staat, der reguliert. Das verwundert nicht, da der Begriff animal spirits vor allem von Keynes forciert worden war.

Kritisch nehmen sie das System ins Visier, weil der Kapitalismus den Menschen „nicht nur das, was sie wirklich wollen“ (246) verkauft, sondern auch Dinge, „von denen sie lediglich glauben, sie zu brauchen. Diese Eigenschaft führt insbesondere in den Finanzmärkten zu Exzessen und zu Liquiditätskrisen, die die gesamte Wirtschaft in Bedrängnis bringen.“ (246)

Sie verlangen, dass der Staat die Spielregeln definiert und dafür sorgt, dass „die Animal Spirits zum Wohl des größeren Ganzen gezügelt und kreativ genutzt werden können“. (246) Ganz im Sinne von Keynes widersprechen sie der vor allem von Milton Friedman vertretenen Meinung, „dass die Wirtschaft zur gesetzesfreien Zone erklärt werden, es so wenig Regierung wie möglich geben und der Staat sich bei der Bestimmung der Regeln auf die kleinste denkbare Nebenrolle beschränken sollte.“ (246)

Sie widerlegen die Auffassung, dass Menschen rational entscheiden und belegen, dass wirtschaftliche Abläufe „von Geschichten angetrieben werden…, die die Menschen sich selbst ausmalen, die sie anderen über sich, über Dritte und selbst über die Wirtschaft als Ganze erzählen.“ (246)

Es ist eine schöne und schlüssige Theorie. Vor diesem Hintergrund empfehlen sie dem Staat, einzugreifen und Pflöcke einzuschlagen. Derzeit bleibt wohl auch keine andere Wahl. „Verzichtet die Regierung auf wirtschaftspolitische Eingriffe, so riskiert sie massive Schwankungen der Beschäftigung. Und die Finanzmärkte werden von Zeit zu Zeit immer von neuem im Chaos versinken.“ (247)

Das ist eine radikale Abkehr von einer turbokapitalistischen Politik, wie sie Ronald Reagan, Margaret Thatcher, George Bush und George W. Bush vertreten haben.

Willkommen im 21. Jahrhundert. Wir erleben die Geburt eines neuen Zeitalters – des Postkapitalismus.

(c) Armin König April 2009