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Wolfgang Sofsky verteidigt das Private mit einer fulminanten Streitschrift

In Politikwissenschaft, Sachbuch-Bestenliste on Dezember 28, 2009 at 9:56 pm

Wolfgang Sofsky (2007): Verteidigung des Privaten. Eine Streitschrift. München: C.H. Beck.

Rezensiert von Armin König

Eine Streitschrift, über die man nicht streiten kann, verfehlt ihren Zweck. Über Wolfgang Sofkys fulminante Streitschrift zur “Verteidigung des Privaten” aber muss man leidenschaftlich streiten. Es gibt nur wenige Essayisten, die mit solcher Lust polemisieren können. Lessings Fehde mit dem Hauptpastor Goeze könnte Pate gestanden haben für die Piken des Privatgelehrten Sofsky gegen die Krake Staat, dem kein Refugium des Bürgers heilig ist. Sofsky weiß nicht nur das Florett meisterlich zu führen, sondern auch den schweren Säbel. Das macht es den Kritikern allerdings leicht, ihrerseits den Fechter fürs Private zu attackieren.

Es gefällt ihnen einerseits, wie Sofsky die Bedrohung des Privaten und damit auch die Bedrohung der Freiheit offenlegt. Andererseits kritisieren sie den Kulturpessimismus des Privat-Gelehrten, die methodischen Schwächen eines ansonsten brillanten Soziologen, der undifferenziert die Macht des Totalitären mit der Machtausübung im demokratischen Staat vermischt und sich so einen übermächtigen Leviathan erschafft, dem man paroli bieten muss. Mit einem aufgeklärten Machtverständnis habe dies nichts zu tun, meint Andreas Anter in der Neuen Zürcher Zeitung kritisch. Johan Schloeman hat in der Süddeutschen Zeitung noch heftiger reagiert – nicht wegen der Thematik, sondern wegen Sofskys “Bedrohungs-Sound” und seinem “Eigenbrötler-Liberalismus”, der gegen Steuern und manches Andere angeht, was den Sozialstaat erst möglich macht.

Dass das Thema der Verteidigung des Privaten dennoch hochaktuell ist, steht außer Frage. Sicherheitsgesetze und Datenskandale legen nahe, dass die Privatsphäre des Bürgers tatsächlich bedroht ist – mehr als uns allen lieb sein kann.

Sofsky beginnt seine Polemik gegen den allmächtigen Staat und sein zuweilen fanatisches Sicherheits- und Überwachungsbedürfnis mit einem brillanten Szenario über die allgegenwärtige Durchleuchtung und Filmung und Erfassung des gläsernen Bürgers, der von früh bis spät unter Beobachtung steht. Selbst dann, wenn andere nichts Privates über ihn zu sammeln haben, weil immer noch Frei-Räume (ohne Kameras, Chips, Kontrollgeräte, Datenterminals) existieren, gibt er sich und seine Privatheit ohne Not Konzernen oder einer anonymen Net-Community preis.

“Würden nicht in regelmäßigen Abständen einige Daten gelöscht und Spuren verwischt, die Menschen wären gefangen im Kerker ihrer Geschichte”. (14)

Was Sofsky entsetzt, ist die “vulgäre Sucht nach kurzfristiger Prominenz” (15), die nicht wenige Zeitgenossen dazu bewegt, sich schamlos-blöd zu entblößen, um “im Tumult der Zeichen überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen” (15). Als Beispiel führt er peinliche Auftritte privater Möchtegern-Promis im PRIVAT-Fernsehen (sic!) an: “Ihre Reize sind schrill und hysterisch, ihre Meinung abstrus und idiotisch, ihr Erscheinungsbild kurios und überspannt” (15). Aber es ist unsere Gesellschaft, die wir uns nach unserem Gusto geschaffen haben.

Der Sucht nach öffentlicher Zuschaustellung setzt Sofsky das wirklich Private entgegen. Seine These: ”Jede Macht ist darauf aus ihr Revier auszudehnen”. (17) Dem Zugriff der Mächtigen aber schiebt Sofsky einen Riegel vor – im Wort- und im Bildsinn: In meinem Refugium, in meiner Zitadelle der Freiheit hast du, Krake Staat, nichts zu suchen, zu filmen, zu scannen, zu dokumentieren. “Privatheit (…) ist die Festung des einzelnen. Sie ist ein machtfreies Terrain, das einzig der Regie des Individuums unterliegt. Das Private umfasst, was niemanden sonst etwas angeht.” (18) Das ist ganz konkret gedacht: “Privates ist nicht für anderer Augen, Ohren und Hände bestimmt, es wird nicht mit anderen geteilt und ist ihnen nicht zugänglich”. (18) Das ist ebenso klar wie richtig.

Sofsky, einer der besten Kenner und Erklärer politischer Gewalt, unternimmt nun einen gewagten Sprung: Er verweist auf totalitäre Regimes und ihren Anspruch auf Gedankenkontrolle, ihre allgegenwärtige Unterdrückung jeglicher Privatheit und jeglichen selbständigen Denkens. Wer in diesen Tagen Herta Müller “Atemschaukel” liest, wird zurückversetzt in den noch nicht allzu lange zurückliegenden Totalitarismus des Sozialismus. Die Schrecken des Nationalsozialismus und seines mörderischen Unterdrückungsapparats sind vielfach dokumentiert und beschrieben. Das waren die Schrecken der Vergangenheit.

Doch was hat dies mit uns zu tun, die wir in einer Zeit größtmöglicher Freiheit leben, die wir einen “Kult des Individualismus” (20) treiben und uns in einer “Vielfalt von Milieus und Lebensstilen” (20) wohlfühlen, in denen jeder seiner Phantasie freien Lauf lassen kann und wo ihn niemand bevormundet? Sofsky sieht dies pessimistischer. Er setzt diesem positiven Bild den Topos des bedrohlichen modernen Staates entgegen: “Jede Herrschaft, sei sie demokratisch oder autokratisch verfaßt, bedroht die Freiheit des Individuum”. (21)

An dieser Stelle scheiden sich die Geister und die Kritiker. Auch mir will Sofskys Negativ-Pathos nicht einleuchten, zumal der Autor einräumt, dass selbst die Regierenden unter Dauerbeobachtung stehen. Darauf baut er nun eine abenteuerliche Behauptung auf:

„In Despotien fürchtet der Untertan die Willkür des Herrn und seiner Helfershelfer. In der Demokratie ersehnt er die Obhut der Obrigkeit. Er sucht nicht Schutz vor dem Staat, sondern Schutz durch den Staat. Bei Gefahr fordert er sofort verschärfte Maßnahmen. Je größer die Angst in der Gesellschaft, desto energischer der Zugriff des Staates und desto geringer die Chancen der Freiheit.“ (21) Das ist nicht mein Staatsverständnis. Auch andere Kritiker haben gegen diese einseitige Sichtweise interveniert. Sofskys Position wird aber noch schärfer, radikaler, einseitiger und fragwürdiger: „Für die Elite ist die Beschränkung des Privaten ein Gebot des Überlebens. Jede Fahrlässigkeit bedeutete für sie den politischen Tod. Sie würde sofort durch Wahlen ausgetauscht. Um auch nur den Anschein einer Unterlassung zu vermeiden, lässt sie daher wirkliche oder vermeintliche Gegner vorsorglich auskundschaften und ausschalten.“ (21-22)

Wir leben nicht im Amerika McCarthys, trotz Vorratsdatenspeicherung und Sicherheitsgesetzen, trotz der beklagenswerten Erosion des Privaten. Der Satz: „Das Gehäuse der Hörigkeit ist längst Wirklichkeit geworden“ (23) ist alarmistischer Quatsch und durch nichts belegt.

Sofsky treibt es auf die Spitze. Vor seinem Furor sind weder die französische Revolution noch der moderne Staat sicher, der immerhin Gewährleistungsstaat sein soll und die Daseinsvorsorge garantieren und den Schutz der Bürger verteidigen soll. Das missfällt zahlreichen Kritikern, ob sie progressiv oder konservativ sein mögen.

Sofskys radikal-konservative Gesellschaftskritik ist für viele durchaus nachvollziehbar, sein Ärger über Bevormundung in gesundheitlichen, sozialer und politischen Angelegenheit sicherlich berechtigt, sein Zorn auf Zeitgenossen, die die Unantastbarkeit des Körpers und der Privatsphäre verletzen, die keine Grenzen kennen, die durch Gerüche, Ausscheidungen und Verunreinigungen Ekel und öffentlichen Ärger erregen, seine Wut auf Mitbürger die lärmen und ihre Umgebung mit Handys und iPods belästigen, durchaus aktuell. Aber muss man deshalb die ganze öffentlich-politische Gesellschaft verdammen?

Dass Sofsky die Gefahren benennt, dass er das Recht auf Privatheit in den existenziellen Bereichen offensiv verteidigt – Geheimnisse des Körpers, private Räume, Eigentum, Informationen, Gedankenfreiheit –, dass er „Reservate des Individuums“ (44) ohne Eingriffe von außen verlangt, dass er eine private „Zitadelle der persönlichen Freiheit“ (37) gegen Übergriffe von außen aufbaut, ist ein großes Verdienst seiner fulminanten Streitschrift. Es bleibt jedem einzelnen Leser überlassen, welche Konsequenzen er daraus zieht. Die Gedanken sind frei. Niemand soll sagen, wir seien nicht gewarnt worden. Etwas mehr Privatheit täte uns allen gut, aller Kritik zum Trotz. Diese Erkenntnis haben wir Wolfgang Sofsky zu verdanken.

© 2009 Armin König

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So regiert die Kanzlerin: denken, hadern, entscheiden

In Politikwissenschaft on Dezember 22, 2009 at 11:30 pm

Heckel, Margaret (2009): So regiert die Kanzlerin. Eine Reportage. München: Piper.

Es gibt Bücher, die muss man nicht rezensieren. Margaret Heckels Buch über die Art, wie Angela Merkel regiert, gehört nach Ansicht zahlreicher Kritiker zu dieser Sorte von Büchern. Man kann das auch anders sehen. Dazu muss man zunächst die Voraussetzungen klären.

Heckel, die Zeitungsjournalistin, hat eine Reportage geschrieben, keine politikwissenschaftliche Abhandlung, keinen kritischen Essay. Die Reportage beobachtet, sie ist deskriptiv, subjektiv und kommentiert. Die Bundeskanzlerin kommt in diesem Buch gut weg. Heckel findet Angela Merkel sympathisch, das klingt vielfach durch. Wer dies alles konzediert, wird in der flott geschriebene Reportage Informationen finden, die bisher nicht allgegenwärtig verbreitet waren.

Politik ist oft trivial – auch auf Bundesebene und international. Es ist eine der Erkenntnisse, die wir dem Buch mit Gewinn entnehmen. All die Animositäten, die wir aus Fernsehstatements und Presseerklärungen herauslesen und wieder in sie hineininterpretieren, gibt es tatsächlich.

Und es stimmt auch, dass Angela Merkel einen Politikstil präferiert, der von vielen Männern nicht goutiert wird. Trotzdem ist sie erfolgreich. Merkel sei „der einzige Machtmensch des Landes, dem vorgeworfen wird, eine Moderatorin zu sein“, stellt Heckel fest. Den verächtlichen Unterton der inner- und außerparteilichen Kritiker kennt man. Doch die „Kämpfe, die sie eingegangen ist, hat sie bislang gewonnen.“ (234) Helmut Kohl, Friedrich Merz, Wolfgang Schäuble, Edmund Stoiber haben es erfahren. „Wie jeder Bundeskanzler vor ihr auch hat sie ihre Macht genutzt, Widersacher aus ihrer Umgebung zu entfernen oder gar nicht erst groß werden zu lassen.“ (234) Das ist eine Grundvoraussetzung der Politik, nachzulesen bei Macchiavelli und Max Weber. Wie Kohl setzt auch Merkel diese Erkenntnisse für den Rivalenkampf perfekt um. Sie verpackt es nur besser.

Zwei Zitate machen die Regierungsweise der Kanzlerin transparent: „Meine Erfahrung ist, dass man ein Ziel auf sehr unterschiedlichen Wegen erreichen kann. Und wenn ich es beim ersten Mal nicht erreiche, probiere ich einen anderen Weg.“ (238) Die Naturwissenschaftlerin im Kanzleramt experimentiert, variiert und sucht spieltheoretische Zugänge zu Problemen. Sie analysiert und beobachtet, spielt unterschiedliche Varianten durch, um zu Lösungen zu kommen: „Zuerst ordnet man da seine Gedanken. Dann ringt man mit sich, ob man es macht oder nicht. Die Haderphase. Und dann ist es entschieden.“ (234) So einfach ist das – und so schwierig. Wie in der Realität.

Die Schwerpunkte Merkels sind richtig gewählt und gut dargestelt: Klimapolitik, die demographischen Veränderungen , eine neue Familien- und Integrationspolitik, das Megathema Bildung und die Herausforderungen der Globalisierung.

Dass sie die Demographie entdeckt hat, ist Merkel hoch anzurechnen. Kaum ein anderes Thema wird so wichtig werden in den nächsten Jahren. Und auch die anderen Schwerpunkte sind überzeugend. Heckel hat das gut beschrieben.

Zugegeben: Manches im Buch ist trivial. Andererseits: Wer Politik kennt, weiß, dass sie vielfach aus Trivialitäten, Animositäten und der Reaktion auf Aktualität besteht. Entscheidend wird es, wenn Großkrisen wie die Finanzkrise zu bewältigen sind. In dieser Frage konnte sich Merkel mittlerweile bewähren. Wichtig auch, dass Heckel darstellt, wie Merkel Atmosphärisches wahrnimmt. Sie sitzt 63 Stunden im Flugzeug, um ein paar Stunden mit dem chinesischen Premierminister Wen zu verbringen. Manchmal unterschätzen Machtpolitiker die Bedeutung atmosphärischer Signale. Vor allem Männern passiert dies. Merkel hat ein feines Sensorium. Um so mehr überrascht, wie sie Kritik wegsteckt. Wir wissen jetzt auch, warum. Weil sie immer wieder Wege zu subtiler Rache findet.

Deshalb gefällt mir Heckels Buch:

Heckel schreibt, wie es zugeht im Zentrum der Macht. Das liest sich leicht und süffig. Auch für alte Politprofis fallen dabei ein paar Erkenntnisse ab.
Gut zu lesen in einem Zug. Im doppelten Wortsinn.

(c) Armin König