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Ego-Monster-Spiele als neoliberale Machtmaschinen: Schirrmacher und sein Ego-Bestseller

In Politikwissenschaft, Sachbuch on April 4, 2013 at 8:52 pm

Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens. Blessing.

Auf der Grundlage einer gewagten Prämisse hat Frank Schirrmacher seinen neuen Bestseller geschrieben. „Es wächst ein neues soziales Monster heran, das aus Egoismus, Misstrauen und Angst zusammengesetzt ist und gar nicht anders kann, als im anderen immer das Schlechteste zu vermuten. Und nichts, was man sagt, bedeutet noch, was es heißt.“ Da hat nun einer wirklich Mut gehabt. Und zwar ein Top-Journalist aus dem Tempelbezirk des Neoliberalismus. Chapeau! dass einer der prominentesten Tempelritter aus dem Heiligen Gral des medialen Neoliberalismus die Courage und die Chuzpe hat, einen solchen Totalverriss der egoistischen neoliberalen Wirtschaft zu schreiben und damit vor allem der Managerkaste in die Suppe zu spucken, die die schwarze Milch der Egotripper seit Jahr und Tagals Wahrheitsserum schlürft. Aber es gibt auch ernsthafte Kritik an Schirrmachers Sachbuch/Erzählung/Traktat.

Es ist ein grelles Buch. Frank Schirrmachers „Ego –  Das Spiel des Lebens“ hat heftige Reaktionen provoziert und Kritiker und Leserschaft gespalten. Sicher: Das Thema trifft einen Nerv, Kapitalismuskritik verbindet sich mit dem großen Unbehagen an einer radikalen Ökonomisierung und Digitalisierung der Welt.

Das Buch besteht aus zwei Teilen und handelt vordergründig von der Spieltheorie, hintergründig von der Entstehung eines Monsters, das den Menschen zu einer nicht mehr selbst handlungsfähigen fremdgesteuerten Maschine macht. Teil 1 heißt „Die Optimierung des Spiels“ und beginnt mit dem für das ganze Buch wegweisenden Satz „Das Militär sucht eine Antwort auf die Frage, wie man sich egoistisch verhält“.

Laut Schirrmacher haben US-Militärs und -Ökonomen unter dem Dach der „Rand Corporation“ zu Beginn der Fünfzigerjahre die „Spieltheorie“ entwickelt, um das Verhalten der Sowjetunion und der Kommunisten im Kalten Krieg voraussagen zu können. Und als der (kalte) Krieg zu Ende ist, zieht es die gefühlskalten Mathematiker-Spieler an die Wall Street, und dort sind sie im Kampf der Neoliberalen erst richtig gut aufgehoben. Hier im Echtzeit-Handel der Automaten kommt ihre große Stunde. Niemand hält sie und ihre mathematischen Monster mehr auf. Ihr Handeln passt zur Ideologie der Neoliberalität, nach der Menschen im Sinne Adam Smith’s vor allem aus egoistischen Motiven handeln und sich am Eigeninteresse orientieren.

Konsequenterweise folgte auf die Optimierung des Spiels die „Optimierung des Menschen“ (Teil 2), nachdem Schirrmacher zuvor in 22 Schlagzeilen-Kapiteln Begriffe wie „Prophezeiung“, „Monster“, „Massaker“, „Android“, „Schizophrenie“ „Politik“, „Matrix“, Big Data und Unterwerfung eingeführt hatte. In den Gebrauchsanleitungen für das Leben haben die „Alchemisten“ die „Verwandlung der Seele“, die schöpferische Zerstörung mit „Death Dating“ und Reengeneering“ zwingend vorgesehen, bevor erst das „Du“ im „Massenwahn“ der „Auslöschung von Zeitsequenzen“ zum Opfer fällt, bis am Ende nur noch „Ego“ steht. Und an der Stelle sagt Schirrmacher: Stopp. Schluss mit dem Wahnsinn. Nicht mehr mitspielen! Es ist an der Zeit.

Schirrmachers Befund: Wir alle sind nur noch Marionetten von Spielern, die mit uns machen, was sie wollen. „Das Monster“ Spieltheorie, für den Kalten Krieg entwickelt, hat sich in Wirtschaft und Alltag ausgebreitet. Emotionen werden ausgeblendet. Gewinnen kann nur, wer egoistisch seine Bahn zieht: An der Wall Street, in den Hedgefonds, in den Großkonzernen, bei Verträgen, im Sport, im Alltagsleben, im Beruf. In unseren Haushalten hat das emotionslose Monster „Nr. 2“, unser egoistisches Alter Ego, längst Einzug gehalten, um auch uns zu manipulieren. Mega-Ego „Nr. 2“ will angeblich „in die Köpfe der Menschen eindringen, um Waren und Politik zu verkaufen.“

Dieses egoistische Wesen, das nur auf seinen Vorteil aus ist, scheint ja tatsächlich überall präsent. Der Homo oeconomicus beherrscht und manipuliert alles. Und wir denken: Endlich schreibt ein Kronzeuge aus dem Tempeldistrikt der kapitalistischen Weltanschauung – FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher -, was wir alle immer schon lesen wollten: dass das nicht unser Wirtschaftssystem ist. Wo Kooperation durch blanken Egoismus verdrängt ist, wo Menschen zu Maschinen werden, Algoritmen Emotionen ersetzen, wo Wirtschaft nichts anderes als eiskalter Krieg ist, bleibt nur noch Monster-Ökonomie.
 
Schirrmachers Kritik am Homo Oeconomicus ist beißend, sie ist knallig vorgetragen, und sie ist im Kern richtig. Das ist das Gute an Schirrmachers Philippika gegen die Diktatur der Zahlenfetischisten und Börsenspekulanten, der Spieltheoretiker und der Wallstreet-Krieger, der Controlling-Fanatiker und Algoritmen-Tyrannei im 21. Jahrhundert. 

Auch als Steinbruch für Kapitalismuskritiker kann Schirrmachers „Monster-Maschinen“-Stürmerei gut genutzt werden. Das haben Christian Schlüter (FR), Andreas Zielcke (SZ) und Thomas Assheuer (ZEIT) lobend herausgestellt.

Aber das Buch hat auch erhebliche Schwächen: Es ist zu lang, phasenweise unstrukturiert und oft effekthascherisch.

Cornelius Tittel hat in der WELT in einem Fundamental-Verriss das Buch des FAZ-Herausgebers regelrecht auseinandergenommen. Kalt lächelnd stellt er Schirrmachers Kompetenz als Zeithistoriker in Frage, um schließlich auf die entscheidende Schwäche des Buches einzugehen: die „Verteufelung der Spieltheorie als Waffe der mad scientists im Kalten Krieg“. Recht hat Schirrmacher schon mit der Behauptung, dass die Spieltheorie vor allem die nonkooperative Verhaltensweise im Blick hat. Aber es gibt eben auch die kooperative Variante, auch wenn es dafür keinen Nobelpreis gab. Tittels kleine Sottise: „Die Vorstellung, die Spieltheorie mache aus Menschen Monster, kann sich also nur entwickeln, wo die Vernunft schläft.“

Auch Schirrmachers „Referenz-Monster“ John Nash und Kenneth Binmore lässt WELT-Kritiker Tittel nicht als solche gelten. Nash sei sehr krank gewesen, wie auch der oscarprämierte Film „A Beautiful Mind“ erzählt habe, und Binmore setze sich für Fairness im Sinne John Rawls ein. Punkt für Tittel. Der kritisiert mit Recht Schirrmachers wenn nicht schlampiges, so doch selektives Zitieren, das auch mir unangenehm aufgefallen ist und kommt zum Schuss: „Wo man auch bohrt, es sind denkbar dünne Bretter, aus denen Schirrmacher ein windschiefes Gedankengebäude zimmert.“ Ich kann allerdings Tittels Totalverriss nicht teilen!

Fazit

Schirrmacher hat eine gewagte Prämisse zur Grundlage eines provokativen Buchs gemacht. Respekt, dass einer der prominentesten Tempelritter aus dem Heiligen Gral des medialen Neoliberalismus den Mut hat, einen solchen Totalverriss der egoistischen neoliberalen Wirtschaft zu schreiben und damit vor allem der Managerkaste in die Suppe zu spucken, die die schwarze Milch der Egotripper seit Jahr und Tag täglich gierig trinkt.

Dass Egoismus in vielen Lebensbereichen prägend geworden ist, dass Algoritmen Emotionen verdrängt haben, dass Menschen sich als Marionetten fühlen, all dies ist treffend beschrieben. Der Rest ist Essay und Feuilleton.

Man kann ja aussteigen, wie Schirrmacher treffend schreibt.

Aber hätte für die Story dann nicht auch ein 80-Seiten-Essay gereicht?

Dr. Armin König

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Plädoyer wider die Verteufelung des Wachstums

In Wachstum, Wirtschaft, Wirtschaftswissenschaft on Januar 15, 2011 at 11:46 pm

Karl-Heinz Paqué (2010): Wachstum! Die Zukunft des globalen Kapitalismus. München: Hanser. ISBN: 978-3446423503. 19,90 €.

Ein kluger Liberaler schreibt wider die Verteufelung des Wachstums. Es ist der Ökonom Karl-Heinz Paqué. Er stammt aus dem Saarland, ist in Magdeburg Professor für Volkswirtschaftslehre und war Finanzminister in Sachsen-Anhalt. Paqué ist Mitglied des Konvents für Deutschland, und damit ist auch seine politisch-wirtschaftliche Richtung angegeben. Der Herbert-Giersch-Schüler ist ein überzeugter Liberaler.

In Zeiten, in denen Wachstum ins Fadenkreuz der Kritik geraten ist, sagt Paqué, das klassische Wachstums habe keineswegs ausgedient. Er will dies auch nicht im Zusammenhang mit dem in Deutschland zunehmend wichtigeren demographischen Wandel anerkennen. Paqué schreibt: „Es ist gerade nicht eine Politik des Verzichts auf Wachstum, die hilft, die Herausforderungen der Alterung der Gesellschaft zu meistern. Es ist vielmehr das Gegenteil: Die Mobilisierung der kreativen und produktiven Kräfte, um das Rentensystem fair und finanzierbar zu machen.“ (173)

Paqués Credo: „Wachstum verändert die Welt“. Und deshalb will der Professor für Volkswirtschaftslehre auch künftig auf Wachstum nicht verzichten. Deutschland und Europa brauchten Wachstum. Auch in der globalen Wirtschafts-, Finanz- und Entwicklungspolitik sei Wachstum nach wie vor ein Motor des Fortschritts – trotz der Suffizienzdiskussionen beim Klimaschutz. Dass es um ganz große Fragen der Menschheit geht, ist auch für Paqué unbestritten. Er kommt aber zu anderen Schlüssen als die Wachstumskritiker. Das ist legitim. Was wäre das für eine Wissenschaft, die nur einer Meinung huldigt?!

Paqué leistet sich in Zeiten der Systemkritik eine eigene Meinung. Unaufgeregt serviert er schlüssige und stichhaltige Argumente. Das gefällt mir. Ich akzeptiere sein Ziel, Wachstum zu rehabilitieren. Damit ist er in guter Gesellschaft mit Roman Herzog.

Was mir allerdings nicht gefällt, ist die Behauptung, klassisches Wachstum sei in Deutschland und Europa der einzige Weg, um Lebensqualität und soziale Sicherheit auf Dauer zu gewährleisten. Das ist objektiv falsch. Auch Paqués Argumentation zum Klimawandel steht auf tönernen Füßen. Seine Analysen internationaler Politik, sein Beurteilung der Schwellenländer ist aber absolut schlüssig.

Womöglich brauchen wir ein anderes Wachstum, wie es Lord Nicholas Stern empfiehlt. Das alte, Ressourcen gnadenlos verfeuernde Wachstum ist tatsächlich an seine Grenzen gestoßen. Ich meine, es hat auch keine Zukunft.

Paqué hat Recht: Am Ende ist es eine Bewertungsfrage von erheblicher Dimension, wie wir den Wert des Wachstums einschätzen. Das aber ist eine hoch politische Frage, vielleicht sogar eine ideologische. Kreativ und produktiv kann man auch ohne Wachstum sein, gerade in Schrumpfungszeiten oder Schrumpfungsregionen. Darüber möchte ich mit Herrn Paqué gern diskutieren. Es könnte eine spannende Debatte werden.

Armin König

Ökonomische Blindgänger – die nächste Krise kommt bestimmt

In Politikwissenschaft on Oktober 27, 2009 at 11:43 pm

Nienhaus, Lisa (2009): Die Blindgänger. Warum Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden. Frankfurt a.M.: Campus. 18,90 €.

Noch ein Buch über die Finanzkrise und das Versagen der Ökonomen? Haben nicht Krugman, Akerlof und Shiller schon alles gesagt?
Alles nicht, und auch nicht so schön wie Lisa Nienhaus. Die ist Wirtschaftsredakteurin der FAS, kompetent, klug, jung und attraktiv, und erklärt uns leicht verständlich, warum die schlauen Herren aus der Männerdomäne der Ökonomie Blindgänger sind.

Lisa Nienhaus stellt ebenso treffende wie unbequeme Fragen an Wirtschaftswissenschaftler, die so katastrophal versagt haben. „Was ist schiefgelaufen unter den professionellen Prognostikern, den Propheten der Ökonomen, die erst den Zeitpunkt der Krise und später ihre Dramatik nicht erkannt haben?“ (S. 94) Und kritisch fragt sie weiter, „ob die Welt Prognostiker benötigt, die nur das Gleichmäßige vorhersagen können, nicht den Schock, die Krise, den Boom?“ (95) Eigentlich nicht.

Denn diese falschen Propheten gaukeln uns vor, dass die Vorhersagen immer genauer werden – mit Wachstumszahlen, die „meist auf die Kommazahlen genau angegeben“ (96) werden, und am Ende doch völlig daneben liegen. Hätten sie doch Talebs „Schwarzen Schwan gelesen“, in dem dieser Kommazahlen-Prognosen-Fetischismus ad absurdum geführt wird. Nienhaus hat Taleb gelesen und stellt nun berechtigte kritische Fragen.

Liegt es am Herdentrieb, dass sich kein großes Wirtschaftsforschungsinstitut „die Kritik aus vergangenen Jahren zu Herzen genommen und das Wachstum zum Beispiel nur noch auf halbe oder ganze Prozentpunkte genau prognostiziert“? (97) Warum hat sich kein Institut „von der Punktprognose verabschiedet, um bloß noch eine Tendenzprognose zu erstellen – nach dem Motto: Wann kommt der Umschwung?“ (97)

Die Gaukelei hat handfeste Gründe. Lisa Nienhaus scheut sich nicht, Ross und Reiter zu nennen. Es gibt für die volkswirtschaftlichen Propheten starke Anreize, punktgenaue Prognosen zu stellen: „Zum einen, um weiterhin im Geschäft zu bleiben. Denn die Politik – der größte Finanzier – fordert Genauigkeit von ihnen ein. Zum anderen, um in den Medien präsent zu sein. Denn Zeitungen und Rundfunk lieben Wahrsagerei, die von der Illusion wissenschaftlicher Exaktheit umgeben ist.“ Die preisgekrönte Wirtschaftsjournalistin, Trägerin des Ludwig-Erhard-Förderpreises, kennt ihr Metier bestens, und sie macht kein Geheimnis daraus, sondern entzaubert die Geheimniskrämer als plumpe Materialisten: „Für die Prognostiker ist es gut, häufig zitiert zu werden und Interviews zu geben, um ihren Expertenstatus zu erhalten, ihre wissenschaftliche Kompetenz zu demonstrieren – und damit weiterhin private und öffentliche Mittel für ihre Forschung zu bekommen“. (97) So banal es klingt, so einfach ist manchmal die Welt.

Dabei will Bundeskanzlerin Merkel, so weiß es Nienhaus, diese falsche Exaktheit gar nicht. Und so werden seit 2008 auch Prognosen mit Bandbreiten angegeben. Von Konfidenzintervallen ist die Rede.

Lisa Nienhaus ist ein bisschen skeptisch, wenn es um die Lernfähigkeit der Ökonomen geht. Es gebe erhebliche Beharrungskräfte. Andererseits sieht sie auch positive Entwicklungen, die Revolution in der Wissenschaft sei längst im Gange. Notwendig seien neue Methoden, neue Theorien und ein neues Selbstverständnis. Vor allem die Erkenntnisse der Verhaltenswissenschaft und der Neuroökonomie müssten integriert werden.

Ja, es wäre gut, wenn die Ökonomen sich änderten, denn die nächste Krise kommt bestimmt.

Der Verlag hat den Untertitel „Warum die Ökonomen auch künftige Krisen nicht erkennen werden“ gewählt. Das ist plakativ. Lisa Nienhaus formuliert differenzierter und optimistischer und setzt auf Besserung: dass alte Strukturen aufgebrochen und neue Erkenntnisse genutzt werden – und auf ein neues Menschenbild.

„Es ist also keineswegs alle Hoffnung verloren, dass die Ökonomie jemals versteht, was die Menschen und damit die Wirtschaft wirklich bewegt“. (133)

Ein solches Buch findet man nicht auf dem Markt: Lisa Nienhaus schreibt erfrischend anders und macht uns Lust, das Denken der Ökonomen zu verstehen. Die junge Autorin ist eine echte Entdeckung. Von ihr möchten wir gern mehr lesen.

Armin König

Neue Politische Ökonomie

In Politikwissenschaft on Juli 8, 2009 at 10:45 pm

Lothar Funk (Hg.) (2008):Anwendungsorientierte Marktwirtschaftslehre und Neue Politische Ökonomie – Wirtschaftspolitische Aspekte von Strukturwandel, Sozialstaat und Arbeitsmarktt. Eckhard Knappe zum 65. Geburtstag. Metropolis. 54,80 €.

Festschriften sind oft nur für Insider lesenswert. Wer den Titel „Anwendungsorientierte Marktwirtschaftslehre und Neue Politische Ökonomie
Wirtschaftspolitische Aspekte von Strukturwandel, Sozialstaat und Arbeitsmarkt“ liest, könnte auch auf diese Idee kommen. Doch weit gefehlt. Lothar Funk hat ein lesenswertes Kompendium zu vielen aktuellen Themen der Sozialen Marktwirtschaft zusammengestellt.

Sowohl zur internationalen Finanzkrise 2008 als auch zur Marktwirtschaft, zur Reform des Gesundheitswesens und zu Demographie und Rentensicherheit liefert der Sammelband zum 65. Geburtstag des Trierer Ökonomen Eckhard Knappe präzise Analysen. Was Wolgang Filc in seiner Analyse außenwirtschaftlicher Ungleichgewichte über US-Leistungsbilanzdefizite, den damit zusammenhängenden „Tanz auf dem Vulkan“ (239), das Crash-Szenario für die Weltwirtschaft (225) und die Notwendigkeit globaler Kooperation zwischen Geber- und Nehmerländern schreibt, ist brillant analysiert. Allerdings war Filc bei der Abfassung wenige Monate vor Beginn der Finanzmarktkrise noch zu optimistisch. Es bedürfe „keiner plötzlichen Kehrtwende“ (239), meinte er damals. „Vielmehr ist Gradualismus gefordert“. Dagegen ist das Alternativ-Szenario „Crash“ und “Desaster“ (239) tatsächlich eingetreten. Mit der Finanzkrise steht auch die Marktwirtschaft auf dem Prüfstand. Auch die von Knappe vertretenen Positionen der „neuen Politischen Ökonomie“ mit stärkerem Wettbewerb und mehr Eigenvorsorge werden in Frage gestellt. Das ändert nichts am Tatbestand, dass sowohl der ökonomische als auch der demographische Wandel die Wohlfahrtsstaaten vor große Herausforderungen stellen, wie Werner Sesselmeier feststellt (163). Er plädiert für eine Neuausrichtung der wohlfahrtsstaatlichen Institutionen „im Sinne einer nachhaltigen Sozialpolitik“ (183). Auch die Gesundheitspolitik, ein Schwerpunkt Knappes, wird ausführlich diskutiert. Das „Knappe-Modell Pauschalprämie in der Krankenversicherung – Ein Weg zu mehr Effizienz und mehr Gerechtigkeit“ habe in Politik und Wissenschaft breiten Widerhall gefunden, stellen Neubauer und Beivers fest (372). Mit Mindest- und Kombilöhnen, der Tarifpolitik der Gewerkschaften, nachhaltiger Umweltpolitik, volkswirtschaftlichen Effekten des gegenwärtigen Bildungssystems und der Einordnung der Marktwirtschaft in europäische und internationale Politikfelder werden in der Festschrift weitere aktuelle Themen fundiert analysiert.

Gemeinsamer Nenner ist die Erkenntnis, dass Deutschland trotz großer (potenzieller) Stärken eine Reformlücke in der Wirtschafts- und Sozialpolitik hat. Gesamtwirtschaftlich zeigt sich ein solches Defizit in erster Linie in Form von dauerhaft hoher Arbeitslosigkeit und einem Hinterherhinken des Trendwachstums der Wirtschaft. Werden die zugrunde liegenden Ursachen bekämpft, so Professor Knappes Credo seit vielen Jahren, so mildern sich – zumindest mittelfristig – auch diese Symptome institutioneller Fehlsteuerungen.

Der Jubilar wird sich über das Ergebnis freuen. Das ist ein richtig flüssig lesbares Wissenschaftsbuch geworden. Was man bei weitem nicht von allen Wissenschaftsbüchern behaupten kann…

AK