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Furcht: Star-Publizist Bob Woodward seziert Donald Trumps fürchterliche Politik und entblößt seine Schwächen

In Politikwissenschaft, Sachbuch, USA on Februar 3, 2019 at 11:36 pm


Dieses Buch ist ein Polit-Kracher. Ich halte es für eines der besten und wichtigsten Sachbücher des Jahres 2018. Der Star-Publizist Bob Woodward seziert Donald Trumps Politik und entblößt seine Schwächen, seine Dummheit, seine diplomatische Ignoranz, seinen Regierungs-Analphabetismus, seine Dreistheit, seine Unbeherrschtheit, zeigt aber auch seine Stärken auf, seine Methoden, seine Waffen, seine Erfolgsfaktoren. Sage bloß keiner, er habe von nichts gewusst!

Woodward schreibt süffig, schlüssig, legt Handlungslinien offen und schafft damit Transparenz. Seine Fähigkeit, Politik in Geschichten zu kleiden, ist beeindruckend. Seit der Aufdeckung der Watergate-Affäre ist Woodward eine Legende. Der Mit-Herausgeber der Washington Post wird auch in „Furcht“ seinem Ruf gerecht, dank exzellenter Kontakte dunkle Geschäfte, Machenschaften und Polit-Geheimnisse ans Tageslicht zu bringen, von denen kein Anderer je erfahren würde.
Er kennt die US-Politik seit einem halben Jahrhundert, hat hunderte Kontakte, seine Quellen sprudeln. Nur (be)nennen darf er sie nicht, braucht er auch nicht, denn Woodward ist glaubwürdig.
Faszinierend ist, was Woodward alles weiß.
Faszinierend ist auch, wie er die Fäden spinnt und analysiert und Verbindungen knüpft.
Der Zeitungsjournalist kann verdammt gut schreiben, und er hält dies auch auf der Marathondistanz durch, wie er bei mittlerweile 19 Büchern bewiesen hat.
Leider ist das, was Woodward in „Furcht“ über Trump schreibt, verdammt Furcht erregend.
Dabei hätte alles ganz anders kommen können.

Man stelle sich vor, Steve Bannon und David Bossie hätten im August 2010 keinen Erfolg gehabt.
Man stelle sich vor, die erste Prophezeiung des Rechtsauslegers Bannon zu Donald Trumps Ambitionen auf eine Präsidentschaftskandidatur hätten sich bewahrheitet.
Da fragte der konservative Aktivist Bossie den radikalen Rechten Bannon: „Glaubst du, er tritt an?“
Und Bannon antwortete: „Keine Chance. Null Chance… Weniger als null. Guck dir mal an, was für’n verficktes Leben der jetzt hat, Alter. Ich bitte dich. Der macht das nicht. Der lässt sich nicht nackt machen.“
So endet das erste Kapitel des Beststellers „Furcht. Trump im Weißen Haus“ von Bob Woodward.
Trump wäre heute nicht der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Und Starreporter Bob Woodward fährt zu Beginn des zweiten Kapitels, das sechs Jahre später (Juli 2016) spielt, so fort: „Eines ist so gut wie sicher: Die Welt sähe heute ganz anders aus, hätten sich die folgenden Ereignisse nicht auf eine so unwahrscheinliche, willkürliche, fahrlässige Weise weiterentwickelt. Am 21. Juli 2016 ließ sich Donald Trump als Kandidat der Republikaner aufstellen…“ …. und die haben ihn nicht gestoppt, und auch die Wähler haben ihn nicht gestoppt…
… und heute verstört der ressentimentgeladene Trumpismus die Nation und die Welt, ist „America First“ Drohung, Bedrohung und Leitmotiv zugleich. Ein offenkundig sturer, rücksichtsloser konservativer Nationalist betreibt national wie international eine Politik, die irrlichternd, rücksichtslos und egomanisch erscheint, aber doch Grundkonstanten hat. Trump will „Deals“ machen – und ist dabei eine Verkörperung der Spieltheorie. Und er will Lob. 100 Prozent Bewunderung. „Trump First“, das ist der Deal.
Es geht immer darum, wer als erster die Nerven verliert und einknickt. Trump will nie verlieren. Und er will seinen Willen durchsetzen. Immer. Auch dann, wenn er fünf Poker-Blätter gleichzeitig mit fünf Händen spielt.
Macht heißt für ihn: Furcht verbreiten.
Dieses Trump-Zitat stellt Reporter-Legende Bob Woodward seinem brillanten Enthüllungsbuch voran:
„Wirkliche Macht ist – ich möchte dieses Wort eigentlich gar nicht benutzen – Furcht“. Trump sagte es als Präsidentschaftsbewerber im Interview mit Woodward und Robert Coast am 31. März 2016 im Old Post Office Pavillon des Trump International Hotels in Washington D.C..
Schon diese ersten Zeilen zeigen, wie Bob Woodward vorgeht: „Das Buch ist ein Extrakt aus Hunderten von Stunden an Interviews mit Leuten, die die geschilderten Vorgänge selbst mitgestaltet und miterlebt haben.“ (13)
Es waren fast immer Interviews „unter zwei“. Das ist ein journalistischer Grundsatz, der besagt, dass alles, was gesprochen wird, benutzt werden darf, jedoch ohne Nennung oder Kenntlichmachung der Person.
Fast alle Gesprächspartner gestatten Woodward, die Interviews auf Tonträger aufzunehmen.
Bänder sind für Journalisten Gold wert.
Sie haben im Zweifelsfall Beweischarakter und erlauben „eine präzisere Nacherzählung“ dessen, was gesprochen oder erzählt wurde.
„Wörtliche Zitate, Gedankengänge oder Schlussfolgerungen stammen von der zitierten Person, von einem unmittelbar beteiligten und daher kundigen Kollegen oder aus Protokollnotizen, Tagebüchern, Akten sowie aus amtlichen oder persönlichen Dokumenten.“ (13)
Warum lassen sich die Gesprächspartner auf diese Interviews „unter zwei“ ein? Weil sie wollen, dass ES ans Tageslicht kommt. ES ist das Unfassbare, und Woodward, der mit allen Höhen, Tiefen und Untiefen amerikanischer Regierungen vertraut ist, soll es offenlegen. Er ist die Instanz.
Wir können Woodward also vertrauen.
Alle kommen sie zu Wort in diesem Dokument der Zeitgeschichte, bis auf Trump, der für dieses Buch nicht interviewt werden wollte: Gary Cohn, der bis zum März 2018 Direktor des Nationalen Wirtschaftsrats (National Economic Council) war, der ehemalige Vorsitzende des Republican National Committee (RNC) Reince Priebus, der als Quelle offenbar besonders ergiebig war und seine Erfahrungen als Stabschef im Weißen Haus und als Wahlkampf-Organisator anscheinend plastisch geschildert hat. Mit seinem Wahlkampf-Engagement für Trump hatte er eingewilligt, “einem Ertrinkenden die Hand zu reichen“ (Woodward, S. 39) – und er hatte Erfolg. Da waren die Interviewpartner Rob Porter, bis Februar 2018 Chef-Sekretär von Donald Trump und damit „Gate Keeper“ zum Präsidenten, und Lindsay Graham, Senator aus South Carolina, Außenpolitiker und gewiefter Deal Maker im Senat. Und schließlich gibt es so viele Zitate über den Krawallmann Steve Bannon (und von ihm?), der bis August 2017 Trumps Chefstratege war, dass für Authentizität bestens gesorgt ist.
Manches, was Woodward schreibt, klingt bizarr, weil man sich bisher nicht vorstellen konnte, dass in der Schaltzentrale der Supermacht USA ein solches Tohuwabohu herrscht.
Die dunklen Verbindungen konnte man bereits ahnen, wenn man David Cay Johnsons Trump-Bücher und Michael Wolffs „Feuer und Zorn“ gelesen hatte. Bei Woodward wird dies alles noch plastischer und griffiger.
Spannend sind nicht nur die Einblicke in die Russland-Kontakte von Trump und seinem Team.
Auch außenhandelspolitischen Eskapaden Trumps und sicherheitspolitischen Irrationalitäten verblüffen und irritieren gleichermaßen.
Wenn das alles so stimmt, wie Woodward es (mit vielen Quellennachweisen) beschreibt, und es spricht alles dafür, dann ist der narzisstisch geprägte US-Präsident Donald Trump eine Gefahr für den Weltfrieden und den Welthandel.
Das sahen im Juli 2017 (- Trump war gerade ein halbes Jahr im Amt -) auch der damalige Verteidigungsminister Jim Mattis und Wirtschaftsberater Gary Cohn so. Weil Präsident offensichtlich nicht verstehen wollte, wie wichtig die Verbündeten in Asien und Europa für die USA sind, auch sicherheits- und handelspolitisch, mussten sie es ihrem Präsidenten erklären: Sie wollten ihm klarmachen, wie militärische, wirtschaftliche und geheimdienstliche Partnerschaften mit ausländischen Regierungen miteinander verknüpft sind. Ihr Plan klang überzeugend: Sie wollten den twitternden Real POTUS (President Of The United States) herausholen aus seinem „natürlichen Lebensraum“ (290), dem Weißen Haus, „wo er täglich acht Stunden fernsieht, und ihm im Pentagon die Komplexität der Welt erklären. Sie bringen ihn in einen holzgetäfelten Konferenzsaal, denn Optik ist für Trump wichtiger als Substanz.“ ( Matthias Kolb in der SZ). Dieser Konferenzsaal ist der „Tank“, der gesicherte Konferenzraum der Vereinigten Generalstabschefs der USA. Kurz vor 10 Uhr am 20 Juli „überquerte Donald Trump den Potomac River und fuhr zum Pentagon. Der Tank hatte seinen Reiz. Trump liebte diesen Raum. Wegen seines Teppichbodens und der Vorhänge manchmal auch Gold Room genannt, wirkt der Konferenzraum überladen und feierlich und stellt im Grunde einen intimen, hochgesicherten Rückzugsort dar, der Jahrzehnte lange Geschichte atmet. Mattis und Cohn organisierten die Präsentation als Geschichtsunterricht und geostrategische Machtprobe.“ (290)
Es war der eigentlich unerhörte Versuch einer Machtprobe gegen den Präsidenten. „Gemeinsam würden sie gegen Trump kämpfen. Handelskriege oder Störungen der globalen Märkte konnten die prekäre Stabilität der Welt verletzen und unterminieren.“ (290)
Aber sie hatten Trump unterschätzt. Der hatte seinen Chefstrategen Steve Bannon im Schlepptau, der ihm Rückendeckung gab. Bannon hielt die globale Weltsicht „für eine Art Fetisch. Seine eigene Besessenheit lautete noch immer ‚America First‘.“ So anachronistisch das Weltbild auch sein mag: Es war und ist Trumps Mantra und Vision.
Und so stießen alle Bedenken von Mattis und Cohn, Tillerson und Mnuchin auf taube Ohren. Der Präsident pöbelte und beleidigte, sagte im Hinblick auf die Einwände seiner Experten, dass er „davon nichts hören“ wolle, es sei ihm „scheißegal“; zu fehlenden militärischen Erfolgen in Afghanistan meinte er: „Ihr solltet einfach Leute umbringen. Dazu braucht man doch keine Strategie“ und erklärte mit Blick auf die europäischen Verbündeten. „Die Europäer sind einfach zu nichts zu gebrauchen“. (295)
Das Treffen wurde ein völliger Fehlschlag, ein totales Desaster.
„Das Misstrauen in dem Raum war greifbar und ätzend gewesen, die Atmosphäre unzivilisiert; obwohl alle vordergründig auf derselben Seite standen, hatten sich alle gepanzert, vor allem der Präsident.
So also sah Wahnsinn aus, dachte Priebus“. (298)
Und Gary Cohn fragte Außenminister Rex Tillerson: „Alles in Ordnung?“
„’Er ist ein verdammter Vollidiot‘, sagte Tillerson so, dass alle es hören konnten“. (297)
Für ihn ist Politik eine reality show, sein liebstes Schlachtfeld liegt im Reiche Twitter. Mit seinen Tweets polemisiert und polarisiert er wie kein anderer Staatschef vor ihm – mit Kurznachrichten des Typs: «Ich will den Sumpf trocken legen, und der Sumpf wehrt sich. Macht euch keine Sorgen. Wir werden gewinnen.» Wenn er „in der Stunde des Hexers“ in den frühen Morgenstunden „vom wilden Affen gebissen“ (273) ist und alles in die Welt twittert, was ihm in den Sinn kommt („Das ist mein Mwegaphon“, „Ich durchdringe den Lärm“, „Ich habe zig Millionen Follower“, 273), dann ist der Friede in Gefahr – und sein Ego befriedigt: Twitter als Masturbation – was für ein Testosteron-Irrwitz.
In seinen Augen war auch die Machtprobe im „Tank“ des Pentagon „großartig“, ein „sehr gutes Treffen“ (298). Und Bannon, der Barbar bestätigte ihn in seiner Egomanie: „Sie waren großartig“ (298), sagte er.
Und so begann der Präsident in diesem Sommer 2017 erst richtig, über Twitter und Statements zu belehren und zu beleidigen und sich die Welt nach seinen Maßstäben zurechtzubiegen, zu feuern und Leute seines Kalibers zu berufen, etwa in den Obersten Gerichtshof. Nichts und niemand konnte ihn seither stoppen. Keiner war vor seinen impulsiven Hire-and-Fire-Aktionen sicher.
Selbst Bannon der Barbar musste irgendwann gehen.
Aber Trump ist trotz aller Krisen und Attacken noch immer im Amt, und womöglich wird er ein zweites Mal gewählt, wenn es nicht gelingt, ihn auch in den USA bei seinen eigenen Wählern zu entzaubern. Denen aber liefert er permanent Erfolgsmeldungen. „President Trump Delivers for Workers“ twittert er dann. (@WhiteHouse 4.2.2019) „Der innere Kompass des Präsidenten zeigt ausschließlich auf seine Wähler“, schreibt Natalie Wohlleben.
Das zeigte er auch beim vermutlich rechtswidrigen Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen. „Um also meine heilige Pflicht zu erfüllen, Amerika und seine Bürger zu schützen, werden die USA das Pariser Klimaabkommen aufkündigen“. Um es noch zu verdeutlichen: „Ich bin gewählt worden, um die Bürger von Pittsburgh zu vertreten, nicht die von Paris“. (259)
Das Pariser Klimaabkommen war an diesem 1. Juni 2017 tot – gekillt von einem Präsidenten, der sich keinen Deut um internationale Verträge und Konventionen scherte.
Dass er die Welt bereits 2017 an den Rand eines Atomdesasters geführt hat, beschreibt Woodward ebenfalls. „Anfang 2018 waren Trumps Tweets kurz davor, einen Krieg mit Nordkorea anzuzetteln. Die Öffentlichkeit hat nie zur Gänze erfahren, wie groß das Risiko war, das Trump und Kim Jong-un eingegangen waren, indem sie sich vor aller Welt ein Wortgefecht lieferten.“ (387) Trump schlug im Weißen Haus vor, einen Tweet zu posten, in dem er ankündigt, alle US-Militärangehörigen – „Tausende Familienmitglieder der 28.500 Soldaten“ (389) – aus Südkorea zurückzubeordern, as Pjöngjang als deutliches Signal der USA, sich auf einen Angriff vorzubereiten, gesehen hätte. Ein Verbindungsmann der Nordkoreaner zum Weißen Haus hatte dies unmissverständlich klargestellt. Zuvor hatte Trump bereits als Antwort auf Kim Jong-un getwittert, „dass ich auch einen Atomknopf habe, aber der ist viel größer & mächtiger als seiner, und mein Knopf funktioniert“ (388). Da waren zwei Wahnsinnige, die sich gegenseitig hochschaukelten, und einer von ihnen war Trump, autokratisch gepolter und autistischer Oberbefehlshaber einer der ältesten Demokratien der Welt, der dröhnte: „In diesem Job spiele ich fünf Poker-Hände gleichzeitig, und momentan gewinnen wir die meisten Spiele“ (388). Er wollte Kim „kleinkriegen und austricksen“. Donald Trump ist für US-Regierungsexperten ein Mann, der „ohne die Befugnis von irgendwem Millionen Menschen töten kann“ (Colin Kahl, 389).

Und die Welt fragt:
Was ist das für ein Präsident, dem sein eigener Anwalt John Dowd abrät, sich von Sonderermittler Mueller befragen zu lassen weil dieser „verdammte Lügner“ Trump die 49 Fragen nicht durchstehen wird. Und so sagt er zum Präsidenten: „Als Anwalt, als Vertreter des Rechts, kann ich nicht neben Ihnen sitzen und zusehen, wie Sie sich der Befragung unterziehen, wenn ich genau weiß, dass Sie dazu nicht imstande sind.“ Und er geht noch weiter. Er sagt ihm auf den Kopf zu: “Sie haben ein Problem damit, bei der Sache zu bleiben. Das kann Sie vernichten. Sie versuchen dann, sich selbst zu übertreffen, stellen irgendetwas falsch dar, und wumm.“
Und wumm!
Das ist immer die Gefahr.
Und der großmäulige, narzisstische Zocker Trump, der immer der Schönste, Größte und Beste sein will, würde immer, wenn es ihm in den Sinn kam oder wenn er mal wieder vor Wut schäumte, den Chinesen, den Iranern oder den Europäern ohne jegliche diplomatische Verbrämung eine volle Breitseite verpasste.
Über enge Mitarbeiter wie Sicherheitsberater Herbert Raymond McMaster tönte er: „Der Kerl redet nur Scheiß. Ich habe diesen Typen kennengelernt. McMaster weiß einfach nicht, wovon er spricht.“ (407) Den ehemaligen FBI-Chef Comey nannte er einen „verdammten Lügner“ (228), die Geheimdienste hält er für Ignoranten
Vulgär, rücksichtslos und krawallig – das ist Trump. Und mit dieser Krawalligkeit übt er Furcht aus.
Woodward hat im 21. Kapitel, wo es um Muellers Sonderermittlungen zu Russland und James Comeys Anschuldigungen gegen Trump geht, sehr plastisch beschrieben, wie Trump tickt und wie er Politik macht.

Es geht immer um Stärke, Testosteron, Gewalt und Furcht.
„Donald Trump gab einem Freund, der ihm sein schäbiges Verhalten gegenüber Frauen gestanden hatte, ganz privat einen Rat. Wahre Macht sei Furcht. Es gehe letztlich nur um Stärke. Man dürfe niemals Schwäche zweigen. Man müsse stark sein, sich nicht herumschubsen lassen. Eine andere Möglichkeit gebe es nicht.“ (Woodward, 236)
Und dann zitiert er Trump:
„Du musst alles abstreiten, abstreiten, abstreiten und dann zum Gegenangriff auf diese Frauen übergehen“, redete Trump auf ihn ein. „Wenn du irgendetwas zugibst, irgendein Verschulden eingestehst, dann bist du tot. Das war der Fehler, den du gemacht hast. Du bist nicht mit rauchenden Colts herausgekommen und hast sie herausgefordert. Du musst stark sein. Du musst aggressiv sein. Du musst hart zurückschlagen. Du musst alles ableugnen, was du angeblich getan haben solltest. Gib nie etwas zu.“ (236)
Dieser Mann regiert die Supermacht USA. Und niemand kann seine Egomanie stoppen.
Es geht nicht wirklich um „America First“. Es geht eigentlich immer nur um Donald Trump. „Ständig benotete er sich selbst. Meistens positiv. Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um die Außenwirkung.“ (305)
Der Mann, von dem Steve Bannon, der Barbar, sagte, er werde nie Präsidentschaftskandidat. „Keine Chance. Null Chance… Weniger als null. Guck dir mal an, was für’n verficktes Leben der jetzt hat, Alter. Ich bitte dich. Der macht das nicht. Der lässt sich nicht nackt machen.“ Der lässt sich nicht ausziehen, weil er immer alles ableugnet und nie etwas zugibt.
Es ist die pure Pornografie der Macht. Im Mittelpunkt der Machtmensch Donald Trump und rund um ihn „vagabundierende Eindringlinge, ein desparater Trupp, der nichts als Chaos verursachte“. (311)
Das große Verdienst von Bob Woodward ist es, dies alles detailliert dokumentiert und brillant erzählt zu haben.
Wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob wir wollen oder nicht.
Es ist die nackte, brutale, Furcht erregende Wahrheit.
Willkommen im Irrenhaus! (Frankfurter Allgemeine Woche)
Und wir müssen strategisch überlegen: Was machen wir mit diesem Donald Trump?
Fakt ist: Wir dürfen uns nie unterkriegen lassen.
Man muss ihm die Stirn bieten.
Bob Woodward hat es beschrieben.
Nancy Pelosi hat es im Januar 2019 bewiesen.
Auch Trump ist schlagbar.
Das sollte auch Europa beherzigen.

Dr. Armin König

Bob Woodward (2018):
Furcht: Trump im Weißen Haus
Reinbek: Rowohlt. 525 Seiten.
ISBN 978-3-498-07408-1

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„Die USA werden zu einer Nation, die zuerst schießt und erst danach Fragen stellt“ – Die USA und das Ende der Diplomatie

In Politikwissenschaft, Sachbuch, USA on September 25, 2018 at 6:46 pm

„Amerikas Außenpolitik dankt ab“ – und damit auch die Funktion der USA als westliche Führungsmacht. Ronan Farrow, Journalist, Jurist und Diplomat, setzt sich pointiert mit dem „Ende der Diplomatie“ auseinander und erklärt, „warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist“. Donald Trumps „America First!“ ist ein Schlüssel zum Verständnis dieses fundamentalen Umbruchs in der US-Außenpolitik. Aber das Desaster hat nicht erst unter Trump begonnen.

Die Anfänge führen zurück zu George W. Bush und den 11. September 2001. Seither hat die offizielle US-Politik immer häufiger Militärs und Militärberatern Entscheidungen überlassen. „Außenministerien gibt es noch immer“, schreibt Farrow (25). „Aber ausländische Militärs und Milizen sitzen oft auf den besseren Plätzen.“ Überall auf der Welt hätten zunehmend uniformierte Offiziere die Verhandlungen an sich gezogen. „Die letzten Diplomaten, Bewahrer einer schwindenden Disziplin, die Amerikanern das Leben rettete und Strukturen schuf, die zu einer stabileren Welt führten, schafften es oft genug gar nicht erst in den Besprechungsraum.“ (25)

Von den Kriegen in Afghanistan und im Irak über die Krisengebiete Somalia, Syrien und Ägypten bis hin zum Drogenkrieg in Kolumbien zeichnet Farrow an vielen Beispielen die desaströsen Folgen einer Falken-Politik nach. Er zitiert James Baker,G eorge Bushs Außenminister, mit den Worten: „Ich habe schon immer gesagt, dass Diplomatie am besten funktioniert, wenn eine gepanzert Faust dahintersteht“. Aber inzwischen steht die gepanzerte Faust nicht mehr hinter der Diplomatie, sie ersetzt professionelle Außenpolitik. Verschärft hat sich dies unter dem chaotischen Regiment Donald Trumps.

Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow berichtet als Insider und Ex-Diplomat aus dem Maschinenraum der Weltmacht, deren außenpolitische Aktivitäten seit Trumps Amtsantritt weltweit immer wieder und immer öfter für Verwirrung, Verunsicherung und zeitweise für Entsetzen sorgen. Nichts ist mehr wie es war, niemand kann sich mehr sicher sein. Farrows Buch ist desillusionierend. Und weil es die Mechanismen der Macht der „Falken“ offenlegt, ist es so wichtig.

Die Politik der Stärke drängt zivile Optionen der internationalen Krisenbewältigung in den Hintergrund. So bleiben im Sinne der Falken am Ende nur die militärischen Optionen. Und genau davor warnt Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow.

Sein knallhartes Fazit:

„Die USA werden zu einer Nation, die zuerst schießt und erst danach Fragen stellt.“

Ronan Farrows Buch hat das Zeug zum Bestseller – weltweit. Und Rowohlt hat sich die deutschen Rechte gesichert. Das war ein kluger Schachzug.

Ronan Farrow ist nicht nur Journalist und Diplomat, er hat auch eine spannende Biografie. Er ist Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Während der ersten Obama-Regierung arbeitete er im amerikanischen Außenministerium. Von 2001 bis 2009 war er UNICEF-Sprecher für die Jugend. 2018 erhielt er den Pulitzer-Preis für seine Recherchen im Fall Harvey Weinstein.

Armin König

Ronan Farrow:
Das Ende der Diplomatie
Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist.
Übersetzt von: Helmut Dierlamm; Heide Lutosch; Hans-Peter Remmler; Gabriele Würdinger
Reinbek 2018: Rowohlt
544 Seiten, 22,00 Euro
ISBN:  978-3-498-02006-4