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Internet-Wahlkampf der Superlative? Wie Obama gewann

In Politikwissenschaft, USA on Mai 24, 2010 at 6:41 pm

Nina Trentmann (2009): Barack Obama gegen John McCain. Neue Strategien im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2008? Marburg: Tectum-Verlag

Obamas Kampagne hat Maßstäbe gesetzt. Das Rennen um die US-Präsidentschaft gegen John McCain ist als „Wahlkampf der Superlative“ bezeichnet worden. Denn vor dem eigentlichen Präsidentenwahlkampf musste Obama erst die favorisierte Hillary Clinton innerparteilich besiegen. Für die Kampagnen wurden unglaubliche Summen ausgegeben. Nach einer Studie des Center for Responsive Politics lagen die Kosten bei 2,4 Milliarden Dollar. Gegenüber 2004 war dies eine Steigerung um 50 Prozent.

Der US-Wahlkampf war eine gigantische Material- und Medienschlacht, der Politikberater Stanford Jason bezeichnet Wahlkampf als Krieg. In einem Krieg entscheiden Ressourcen und Strategien. Nina Trentmann hat Wahlkampf und Strategien umfassend untersucht. Schwerpunkte waren die Kampagnenorganisation, die Nutzung des Internets als Kampagneninstrument, die Ansprache von speziellen Wählergruppen und der Kampf um die Swing States. Trentmann kommt dabei zu erstaunlichen Ergebnissen. Sie geht nicht davon aus, dass in dieser Wahlschlacht grundlegend neue Strategien zur Anwendung kamen: „Meine These ist, dass es vielmehr neue Instrumente und Technologien als grundsätzlich neue Strategien waren.“

Die Nutzung des Internets hat eine wesentliche Rolle gespielt, zumal die Gatekeeper-Funktion der Medien damit zum Teil ausgeschaltet wurde. Obamas Webseite war nicht nur eine Informationsquelle, sondern auch „das Kommunikationsmittel der Kampagne, das Vehikel zum Mitmachen, ein Souvenirladen im World Wide Web und der Ort, wo Barack Obama einen Großteil seiner Spenden akquiriert“ (39) hat. Bei allem Respekt für die erste umfassende Internet- und YouTube-Kampagne ist für Trentmann aber erkennbar, dass das Team Obamas mit der Nutzung des Internets nichts Anderes gemacht hat als Kennedy 1960 bei der Nutzung des Fernsehens. Obamas Strategen haben die Nutzung des Instruments Internet professionalisiert und perfektioniert.

Mindestens ebenso wichtig waren für Trentmann die Ansprache von speziellen Wählergruppen und der Kampf um die Swing States. Herausgehoben wird, dass die gesamte Kampagne eine außergewöhnliche  Qualität hatte. „Gleichzeitig sind aber Faktoren wie die Finanzkrise, die acht Jahre Bush-Regierung mit bescheidenem Erfolg, die beiden Kriege und nicht zuletzt ein nicht ansatzweise so überzeugender Kandidat der republikanischen Seite in die Analyse mit einzubeziehen“ (113-114). Was das Buch besonders interessant macht, sind die vielen Quellen. Trentmann hat ihre Interviews mit amerikanischen Wahlkampfexperten, den Wahlkampfmanagern der Bundestagsparteien und deutschen Wissenschaftlern sowie die Screenshots zahlreicher Webseiten in den Anhang aufgenommen. Sie liefern eine Fülle von Anregungen für Kampagnen-Praktiker und Parteienforscher.

(c) Armin König

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