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Wolfgang Sofsky verteidigt das Private mit einer fulminanten Streitschrift

In Politikwissenschaft, Sachbuch-Bestenliste on Dezember 28, 2009 at 9:56 pm

Wolfgang Sofsky (2007): Verteidigung des Privaten. Eine Streitschrift. München: C.H. Beck.

Rezensiert von Armin König

Eine Streitschrift, über die man nicht streiten kann, verfehlt ihren Zweck. Über Wolfgang Sofkys fulminante Streitschrift zur “Verteidigung des Privaten” aber muss man leidenschaftlich streiten. Es gibt nur wenige Essayisten, die mit solcher Lust polemisieren können. Lessings Fehde mit dem Hauptpastor Goeze könnte Pate gestanden haben für die Piken des Privatgelehrten Sofsky gegen die Krake Staat, dem kein Refugium des Bürgers heilig ist. Sofsky weiß nicht nur das Florett meisterlich zu führen, sondern auch den schweren Säbel. Das macht es den Kritikern allerdings leicht, ihrerseits den Fechter fürs Private zu attackieren.

Es gefällt ihnen einerseits, wie Sofsky die Bedrohung des Privaten und damit auch die Bedrohung der Freiheit offenlegt. Andererseits kritisieren sie den Kulturpessimismus des Privat-Gelehrten, die methodischen Schwächen eines ansonsten brillanten Soziologen, der undifferenziert die Macht des Totalitären mit der Machtausübung im demokratischen Staat vermischt und sich so einen übermächtigen Leviathan erschafft, dem man paroli bieten muss. Mit einem aufgeklärten Machtverständnis habe dies nichts zu tun, meint Andreas Anter in der Neuen Zürcher Zeitung kritisch. Johan Schloeman hat in der Süddeutschen Zeitung noch heftiger reagiert – nicht wegen der Thematik, sondern wegen Sofskys “Bedrohungs-Sound” und seinem “Eigenbrötler-Liberalismus”, der gegen Steuern und manches Andere angeht, was den Sozialstaat erst möglich macht.

Dass das Thema der Verteidigung des Privaten dennoch hochaktuell ist, steht außer Frage. Sicherheitsgesetze und Datenskandale legen nahe, dass die Privatsphäre des Bürgers tatsächlich bedroht ist – mehr als uns allen lieb sein kann.

Sofsky beginnt seine Polemik gegen den allmächtigen Staat und sein zuweilen fanatisches Sicherheits- und Überwachungsbedürfnis mit einem brillanten Szenario über die allgegenwärtige Durchleuchtung und Filmung und Erfassung des gläsernen Bürgers, der von früh bis spät unter Beobachtung steht. Selbst dann, wenn andere nichts Privates über ihn zu sammeln haben, weil immer noch Frei-Räume (ohne Kameras, Chips, Kontrollgeräte, Datenterminals) existieren, gibt er sich und seine Privatheit ohne Not Konzernen oder einer anonymen Net-Community preis.

“Würden nicht in regelmäßigen Abständen einige Daten gelöscht und Spuren verwischt, die Menschen wären gefangen im Kerker ihrer Geschichte”. (14)

Was Sofsky entsetzt, ist die “vulgäre Sucht nach kurzfristiger Prominenz” (15), die nicht wenige Zeitgenossen dazu bewegt, sich schamlos-blöd zu entblößen, um “im Tumult der Zeichen überhaupt noch Aufmerksamkeit zu erregen” (15). Als Beispiel führt er peinliche Auftritte privater Möchtegern-Promis im PRIVAT-Fernsehen (sic!) an: “Ihre Reize sind schrill und hysterisch, ihre Meinung abstrus und idiotisch, ihr Erscheinungsbild kurios und überspannt” (15). Aber es ist unsere Gesellschaft, die wir uns nach unserem Gusto geschaffen haben.

Der Sucht nach öffentlicher Zuschaustellung setzt Sofsky das wirklich Private entgegen. Seine These: ”Jede Macht ist darauf aus ihr Revier auszudehnen”. (17) Dem Zugriff der Mächtigen aber schiebt Sofsky einen Riegel vor – im Wort- und im Bildsinn: In meinem Refugium, in meiner Zitadelle der Freiheit hast du, Krake Staat, nichts zu suchen, zu filmen, zu scannen, zu dokumentieren. “Privatheit (…) ist die Festung des einzelnen. Sie ist ein machtfreies Terrain, das einzig der Regie des Individuums unterliegt. Das Private umfasst, was niemanden sonst etwas angeht.” (18) Das ist ganz konkret gedacht: “Privates ist nicht für anderer Augen, Ohren und Hände bestimmt, es wird nicht mit anderen geteilt und ist ihnen nicht zugänglich”. (18) Das ist ebenso klar wie richtig.

Sofsky, einer der besten Kenner und Erklärer politischer Gewalt, unternimmt nun einen gewagten Sprung: Er verweist auf totalitäre Regimes und ihren Anspruch auf Gedankenkontrolle, ihre allgegenwärtige Unterdrückung jeglicher Privatheit und jeglichen selbständigen Denkens. Wer in diesen Tagen Herta Müller “Atemschaukel” liest, wird zurückversetzt in den noch nicht allzu lange zurückliegenden Totalitarismus des Sozialismus. Die Schrecken des Nationalsozialismus und seines mörderischen Unterdrückungsapparats sind vielfach dokumentiert und beschrieben. Das waren die Schrecken der Vergangenheit.

Doch was hat dies mit uns zu tun, die wir in einer Zeit größtmöglicher Freiheit leben, die wir einen “Kult des Individualismus” (20) treiben und uns in einer “Vielfalt von Milieus und Lebensstilen” (20) wohlfühlen, in denen jeder seiner Phantasie freien Lauf lassen kann und wo ihn niemand bevormundet? Sofsky sieht dies pessimistischer. Er setzt diesem positiven Bild den Topos des bedrohlichen modernen Staates entgegen: “Jede Herrschaft, sei sie demokratisch oder autokratisch verfaßt, bedroht die Freiheit des Individuum”. (21)

An dieser Stelle scheiden sich die Geister und die Kritiker. Auch mir will Sofskys Negativ-Pathos nicht einleuchten, zumal der Autor einräumt, dass selbst die Regierenden unter Dauerbeobachtung stehen. Darauf baut er nun eine abenteuerliche Behauptung auf:

„In Despotien fürchtet der Untertan die Willkür des Herrn und seiner Helfershelfer. In der Demokratie ersehnt er die Obhut der Obrigkeit. Er sucht nicht Schutz vor dem Staat, sondern Schutz durch den Staat. Bei Gefahr fordert er sofort verschärfte Maßnahmen. Je größer die Angst in der Gesellschaft, desto energischer der Zugriff des Staates und desto geringer die Chancen der Freiheit.“ (21) Das ist nicht mein Staatsverständnis. Auch andere Kritiker haben gegen diese einseitige Sichtweise interveniert. Sofskys Position wird aber noch schärfer, radikaler, einseitiger und fragwürdiger: „Für die Elite ist die Beschränkung des Privaten ein Gebot des Überlebens. Jede Fahrlässigkeit bedeutete für sie den politischen Tod. Sie würde sofort durch Wahlen ausgetauscht. Um auch nur den Anschein einer Unterlassung zu vermeiden, lässt sie daher wirkliche oder vermeintliche Gegner vorsorglich auskundschaften und ausschalten.“ (21-22)

Wir leben nicht im Amerika McCarthys, trotz Vorratsdatenspeicherung und Sicherheitsgesetzen, trotz der beklagenswerten Erosion des Privaten. Der Satz: „Das Gehäuse der Hörigkeit ist längst Wirklichkeit geworden“ (23) ist alarmistischer Quatsch und durch nichts belegt.

Sofsky treibt es auf die Spitze. Vor seinem Furor sind weder die französische Revolution noch der moderne Staat sicher, der immerhin Gewährleistungsstaat sein soll und die Daseinsvorsorge garantieren und den Schutz der Bürger verteidigen soll. Das missfällt zahlreichen Kritikern, ob sie progressiv oder konservativ sein mögen.

Sofskys radikal-konservative Gesellschaftskritik ist für viele durchaus nachvollziehbar, sein Ärger über Bevormundung in gesundheitlichen, sozialer und politischen Angelegenheit sicherlich berechtigt, sein Zorn auf Zeitgenossen, die die Unantastbarkeit des Körpers und der Privatsphäre verletzen, die keine Grenzen kennen, die durch Gerüche, Ausscheidungen und Verunreinigungen Ekel und öffentlichen Ärger erregen, seine Wut auf Mitbürger die lärmen und ihre Umgebung mit Handys und iPods belästigen, durchaus aktuell. Aber muss man deshalb die ganze öffentlich-politische Gesellschaft verdammen?

Dass Sofsky die Gefahren benennt, dass er das Recht auf Privatheit in den existenziellen Bereichen offensiv verteidigt – Geheimnisse des Körpers, private Räume, Eigentum, Informationen, Gedankenfreiheit –, dass er „Reservate des Individuums“ (44) ohne Eingriffe von außen verlangt, dass er eine private „Zitadelle der persönlichen Freiheit“ (37) gegen Übergriffe von außen aufbaut, ist ein großes Verdienst seiner fulminanten Streitschrift. Es bleibt jedem einzelnen Leser überlassen, welche Konsequenzen er daraus zieht. Die Gedanken sind frei. Niemand soll sagen, wir seien nicht gewarnt worden. Etwas mehr Privatheit täte uns allen gut, aller Kritik zum Trotz. Diese Erkenntnis haben wir Wolfgang Sofsky zu verdanken.

© 2009 Armin König

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Lasst die Forscher endlich forschen, dann kommt das Neue in die Welt

In Politikwissenschaft on Dezember 27, 2009 at 9:17 pm

Mittelstraß, Jürgen (2009): Finden und Erfinden : Die Entstehung des Neuen. Herausgegeben von Timon Beyes und Jürgen Mittelstraß. Berlin: Berlin University Press.

Rezensiert von Armin König

Wie kommt das Neue in die Welt? Ganz gewiss nicht durch “Exzellenzinitiativen“ und immer neue „Evaluierungseinfälle“, die nicht der Innovation, sondern allein der Legitimation von Wissenschaftsbürokratien dienen. Die Wirtschaft, auf Effizienz getrimmt, saugt ihre Cash Cows aus, hat aber aus Renditeerwägungen die teuren Forschungsabteilungen zurückgefahren – und wundert sich, wenn deutsche Unternehmen plötzlich von der internationalen Konkurrenz abgehängt werden.

Jürgen Mittelstraß und Timon Beyes gehen beim 2. Duisburger Dialog der Frage nach, wie „Die Entstehung des Neuen“ funktioniert und wie „Finden und Erfinden“ forciert werden können. Dass Wissenschaft und Forschung dabei eine entscheidende Rolle spielen müssen, ist für Mittelstraß unbestritten. Gleichzeitig warnt der langjährige Präsident der Academia Europaea vor einer Vereinnahmung der Forschung durch die Wirtschaft. Wäre Wissenschaft „nur der verlängerte Arm der Werkbänke“, so Mittelstraß, „so verlöre sie gerade ihre produktive Kraft, die allemal darin besteht, das Neue in die Welt zu bringen, nicht das Gewohnte oder das Begehrte, selbst ohne Einsichten und Einfälle, zu fördern“ (18). Mittelstraß räumt ein, dass sich manche diese strikte Anwendungsorientierung wünschen, dass dies aber der falsche Weg sei. Die Grenzen zwischen Grundlagen- und Anwendungsforschung seien ohnehin fließend geworden.

Um die Effizienz zu erhöhen und Neues auf den Weg zu bringen, spricht sich Mittelstraß für die Verbindung von reiner Grundlagenforschung, angewandter Grundlagenforschung und verwertungsorientierter Forschung zu einem „Forschungsdreieck“ aus. Er fordert gleichzeitig mehr Transdisziplinarität. Die Bemühungen zur Kooperation und Transdisziplinarität seien unzureichend und erfolgten in einer „viel zu unentschlossenen, in Wahrheit das Bestehende schützenden Weise“ (23). Das sind klare Worte eines intimen Kenners der deutschen Forschungs- und Hochschullandschaft.

Es stimmt ja auch: Noch immer achtet jeder Lehrstuhlinhaber eifersüchtig auf seinen Einfluss, seine Macht, seine Forschungsgelder und seine Profilierungsmöglichkeiten. Die Exzellenzinitiativen haben dieses System noch gefördert. Für Mittelstraß ist dies nicht zukunftsträchtig: „Die Probleme (…) tun uns zunehmend nicht mehr den Gefallen, sich selbst disziplinär oder gar fachlich zu definieren, wie etwa Umwelt-, Energie- und Gesundheitsprobleme deutlich machen“ (23) Mittelstraß fordert deshalb „Forschungsverbünde auf Zeit“ (24) und „Vernetzung auf niedrigem institutionellem Niveau“ (24), damit das Neue in die Welt kommt, damit Finden und Erfinden erleichtert werden. Abgrenzung und Isolation seien kontraproduktiv, Kooperationen sind gefragt. „Es geht darum, wo heute Zäune stehen, institutionelle wie bewusstseinsmäßige Wanderwege einzurichten“. (24) Mittelstraß plädiert für eine institutionelle Weiterentwicklung, die einem Paradigmenwechsel gleichkommt. „Das Wissenschaftssystem muss sich bewegen, wenn sich die Forschung bewegt“. (24) Von Politik und Gesellschaft verlangt Mittelstraß eine durchaus kritische Forschungs- und Technikakzeptanz. Als innovationsfeindlich kritisiert er die allgegenwärtigen Versuche, die Universitäten in wirtschaftsnahe Schemen zu pressen. „So tun wir derzeit alles, um den Universitäten die Lust an allem Neuen, Innovativen zu verderben. Wir fordern Qualitätssicherung, als sei sie nicht da, wir überziehen das universitäre System mit immer neuen Evaluierungseinfällen, wobei das Instrument der Evaluierung schön längst nicht mehr der Leitungssteigerung als vielmehr der Legitimationsbeschaffung dient“, kritisiert Mittelstraß. (28) Recht hat er.

Rolf Schieder nimmt den Faden auf, „Lust“ auf Neues zu forcieren und verweist darauf, dass schon Friedrich Schleiermacher die philosophische Theologie mit Lust und Unlust an Ereignissen und Erkenntnissen in Zusammenhang brachte. Vor allem geht es Schieder darum, Wissenschaftler und den wissenschaftlichen Nachwuchs dazu zu bringen, selbst zu denken, auch wenn es mit Risiken verbunden ist, durch subjektive Wahrnehmung zu selbstverantworteten neuen Theorien zu kommen, dabei über den Tellerrand der eigenen Disziplin zu schauen, um durch freies Forschen zum „Finden und Erfinden innovativer Modelle“ (54) zu kommen. Insofern sei „alle Theologie auch als Grundlagenforschung immer auch anwendungsorientierte Forschung“. (54) Brisanz gewinnt das Thema, wenn es um gesellschaftliche Kontroversen wie die aktuelle Diskussion um Darwin, Dawkins und den Atheismus geht. Hier sei Transdisziplinarität unverzichtbar. Dabei treibt Schieder die Frage der Bildung um: „Es ist also nicht die Religion selbst, die die Akzeptanz von Wissenschaft und Innovation behindert, es sind ungebildete Religionen, denen bereits die notwendige Differenzierungsfähigkeit fehlt, um mit komplexen gesellschaftlichen Lagen anders als defensiv-dualistisch umgehen zu können.“ (47)

Hier kommt nun wieder die praktische Theologie ins Spiel – in Form der religiösen Bildung an Schulen. „Deshalb braucht eine wissenschaftsfreundliche Gesellschaft dringend religiöse und weltanschauliche Bildung an den öffentlichen Schulen. (…) Vor allem aber ist die Einführung islamischen Religionsunterrichts dringlich“.(47)
„Finden und Erfinden“ wird oft mit Intuition in Verbindung gebracht. Axel Börsch-Supan stellt dies als Volkswirtschaftler in Frage. Der als Empiriker bekannte Volkswirtschaftler und Statistiker verlangt von seiner Disziplin, Intuition mit der „Härte und Transparenz der Mathematik“ (41) zu verbinden und „Modelle zu bauen, die systemische Interaktionen auf den Finanzmärkten hinreichen gut abbilden können“ (41) Die Weltfinanzkrise habe die Grenzen bisherigen Modelle und ihrer praktischen Anwendungen aufgezeigt. Innovationen seien dringend notwendig, den Nationalökonomen, „die durch den behutsamen Umgang mit arroganten Äußerungen nicht allzu bekannt sind“ (38), stünde mehr Bescheidenheit gut an. „Unsere reine Grundlagenforschung steckt eben doch noch in den Kinderschuhen und die produktorientierte Anwendungsforschung macht katastrophale Fehler, weil einige der Modelle wichtiges menschliches Verhalten ignoriert haben und andere Modelle auf Situationen angewandt wurden, auf die sie nicht passten“. (38)
Konsequenterweise bedeutet dies: Katastrophen und menschliches Versagen führen zu Innovationen, weil das ganze bisherige System in Frage gestellt und vom Kopf auf die Füße gestellt wird. Auch Börsch-Supan hat viel Sympathie für mehr Transdisziplinarität. So beruhten „die wichtigsten Fortschritte der Volkswirtschaftslehre in den letzten Jahren auf der Integration psychologischer, soziologischer und politikwissenschaftlicher Aspekte in die Ökonomie (Stichwort ‚behavoiral economics’“). (36) Auch zu den Neurowissenschaften und zur historischen Wissenschaft gebe es wichtige Querverbindungen.

Wie das Neue in der Politikwissenschaft in die Welt kommt, stellt Dietmar Herz am Fallbeispiel der Gründung der Erfurt School of Public Policy (ESPP) dar, die inzwischen in Willy Brandt School of Public Policy umbenannt wurde. Auch hier ist Wissenschaft transdisziplinär angelegt. Nach dem Vorbild der Public Policy Schools in den USA werden Theorie und Praxis, Grundlagen- und Anwendungsforschung miteinander verbunden, um so „auf einen neu geschaffenen Ausbildungsbedarf an qualifizierten und professionellen Führungskräften im Öffentlichen Sektor“ (70) zu reagieren. Hier waren es Defizite in der Staats- und Regierungspraxis, die das Neue in die Welt brachten, protegiert durch Gründungsrektor Peter Glotz.

Für Kurt Biedenkopf sind Innovationen nicht nur das Ergebnis von Intuition und Neugier, sondern auch Folge gesellschaftlicher Veränderungen. Biedenkopf fordert bei dieser Gelegenheit Innovationen in Politik und Gesellschaft des Landes. Nach seiner Auffassung stoßen hier wie in der Wissenschaft „notwendige Veränderungen auf Widerstände, die das Bestehende – und deren Besitzstände – schützen wollen (…)“ (101). Seine Vorschläge sind allerdings nicht innovativ, sondern seit Jahrzehnten bekannt und viel diskutiert. Sie erneut aufzuwärmen, trägt wenig zum Thema „Finden und Erfinden“ bei. Und weil auch ein amtierender Minister seinen Teil zum Duisburger Dialog und damit zum Buch beisteuern darf, schreibt Andreas Pinkwart darüber, „[w]as Innovationspolitik bedeutet – und wie sie die Suche nach dem Neuen unterstützen kann“. Freiräume schaffen, Innehalten, gemeinsam mit den Hochschulen Ziele festlege – das ist okay, aber nicht sonderlich originell.

Bei Timon Beyes ist das anders. Er schreibt über das „Innovationslabor Stadt“ und ihre Entwicklungsprozesse. Ideen wie die „Unternehmerische Stadt“ und die „Science City“ als „Modell der Universität des 21. Jahrhundert“ (78) schaffen im Wortsinn „Kreativ-Räume“, territorial und virtuell. In der Heterogenität und Dichte des Urbanen treffen sich Wissenschaft, Unternehmenswelt und Öffentlichkeit, und auf dieser Plattform mit ihren Vernetzungen und Interaktionen entsteht Neues: „Inter- oder transdisziplinäres Finden und Erfinden, so scheint es, gedeiht am besten unter den physischen, sozialen und imaginären Bedingungen des urbanen Raums“. (79)

Jürgen Mittelstrass und Timon Beyes haben ein kleines Buch mit Zündstoff vorgelegt. Sie verlangen von Wissenschaft und Forschung nicht weniger als Lust auf Neues, das Einreißen von Zäunen, das Verlassen alter Besitzstände, Forschungskooperationen auf Zeit, transdisziplinäre Aktivitäten und Selbstbewusstsein. Die Forscher müssen sich bewegen, die Bürokratien und die Politiker aber noch viel mehr. Von der Gesellschaft verlangen die Autoren, die Wissenschaft nicht zu gängeln, sie nicht in ein anwendungsorientiertes Schema zu pressen und ihre Forschung (durchaus kritisch) zu akzeptieren.

© 2009 Armin König

So regiert die Kanzlerin: denken, hadern, entscheiden

In Politikwissenschaft on Dezember 22, 2009 at 11:30 pm

Heckel, Margaret (2009): So regiert die Kanzlerin. Eine Reportage. München: Piper.

Es gibt Bücher, die muss man nicht rezensieren. Margaret Heckels Buch über die Art, wie Angela Merkel regiert, gehört nach Ansicht zahlreicher Kritiker zu dieser Sorte von Büchern. Man kann das auch anders sehen. Dazu muss man zunächst die Voraussetzungen klären.

Heckel, die Zeitungsjournalistin, hat eine Reportage geschrieben, keine politikwissenschaftliche Abhandlung, keinen kritischen Essay. Die Reportage beobachtet, sie ist deskriptiv, subjektiv und kommentiert. Die Bundeskanzlerin kommt in diesem Buch gut weg. Heckel findet Angela Merkel sympathisch, das klingt vielfach durch. Wer dies alles konzediert, wird in der flott geschriebene Reportage Informationen finden, die bisher nicht allgegenwärtig verbreitet waren.

Politik ist oft trivial – auch auf Bundesebene und international. Es ist eine der Erkenntnisse, die wir dem Buch mit Gewinn entnehmen. All die Animositäten, die wir aus Fernsehstatements und Presseerklärungen herauslesen und wieder in sie hineininterpretieren, gibt es tatsächlich.

Und es stimmt auch, dass Angela Merkel einen Politikstil präferiert, der von vielen Männern nicht goutiert wird. Trotzdem ist sie erfolgreich. Merkel sei „der einzige Machtmensch des Landes, dem vorgeworfen wird, eine Moderatorin zu sein“, stellt Heckel fest. Den verächtlichen Unterton der inner- und außerparteilichen Kritiker kennt man. Doch die „Kämpfe, die sie eingegangen ist, hat sie bislang gewonnen.“ (234) Helmut Kohl, Friedrich Merz, Wolfgang Schäuble, Edmund Stoiber haben es erfahren. „Wie jeder Bundeskanzler vor ihr auch hat sie ihre Macht genutzt, Widersacher aus ihrer Umgebung zu entfernen oder gar nicht erst groß werden zu lassen.“ (234) Das ist eine Grundvoraussetzung der Politik, nachzulesen bei Macchiavelli und Max Weber. Wie Kohl setzt auch Merkel diese Erkenntnisse für den Rivalenkampf perfekt um. Sie verpackt es nur besser.

Zwei Zitate machen die Regierungsweise der Kanzlerin transparent: „Meine Erfahrung ist, dass man ein Ziel auf sehr unterschiedlichen Wegen erreichen kann. Und wenn ich es beim ersten Mal nicht erreiche, probiere ich einen anderen Weg.“ (238) Die Naturwissenschaftlerin im Kanzleramt experimentiert, variiert und sucht spieltheoretische Zugänge zu Problemen. Sie analysiert und beobachtet, spielt unterschiedliche Varianten durch, um zu Lösungen zu kommen: „Zuerst ordnet man da seine Gedanken. Dann ringt man mit sich, ob man es macht oder nicht. Die Haderphase. Und dann ist es entschieden.“ (234) So einfach ist das – und so schwierig. Wie in der Realität.

Die Schwerpunkte Merkels sind richtig gewählt und gut dargestelt: Klimapolitik, die demographischen Veränderungen , eine neue Familien- und Integrationspolitik, das Megathema Bildung und die Herausforderungen der Globalisierung.

Dass sie die Demographie entdeckt hat, ist Merkel hoch anzurechnen. Kaum ein anderes Thema wird so wichtig werden in den nächsten Jahren. Und auch die anderen Schwerpunkte sind überzeugend. Heckel hat das gut beschrieben.

Zugegeben: Manches im Buch ist trivial. Andererseits: Wer Politik kennt, weiß, dass sie vielfach aus Trivialitäten, Animositäten und der Reaktion auf Aktualität besteht. Entscheidend wird es, wenn Großkrisen wie die Finanzkrise zu bewältigen sind. In dieser Frage konnte sich Merkel mittlerweile bewähren. Wichtig auch, dass Heckel darstellt, wie Merkel Atmosphärisches wahrnimmt. Sie sitzt 63 Stunden im Flugzeug, um ein paar Stunden mit dem chinesischen Premierminister Wen zu verbringen. Manchmal unterschätzen Machtpolitiker die Bedeutung atmosphärischer Signale. Vor allem Männern passiert dies. Merkel hat ein feines Sensorium. Um so mehr überrascht, wie sie Kritik wegsteckt. Wir wissen jetzt auch, warum. Weil sie immer wieder Wege zu subtiler Rache findet.

Deshalb gefällt mir Heckels Buch:

Heckel schreibt, wie es zugeht im Zentrum der Macht. Das liest sich leicht und süffig. Auch für alte Politprofis fallen dabei ein paar Erkenntnisse ab.
Gut zu lesen in einem Zug. Im doppelten Wortsinn.

(c) Armin König

Medien und Imagepolitik – Kennedys Vermächtnis

In Politikwissenschaft on Dezember 16, 2009 at 11:32 pm

Münkel, Daniela und Lu Seeghers (Hrsg.): Medien und Imagepolitik im 20. Jahrhundert : Deutschland, Europa, USA. Frankfurt/M.: Campus.

rezensiert von Armin König

Kein anderer Politiker hat Wahlkampagnen und Imagekonzeptionen weltweit so beeinflusst wie John F. Kennedy. Darauf baut der von Daniela Münkel und Lu Seeghers herausgegebene Sammelband zu Medien und Imagepolitik auf, der auf eine Tagung an der Universität Hannover zurückgeht. Besonders aufschlussreich ist Münkels Beitrag über die Imagebildung bei Kennedy, Harold Wilson und Willy Brandt, die allesamt erfolgreiche Wahlkämpfe führten und professionell beraten wurden. Dabei adaptierten Wilson und Brandt die US-Erfolgsgeheimnisse und kombinierten sie mit nationalen Besonderheiten in Großbritannien und Deutschland – insbesondere im Hinblick auf politische Traditionen. Die drei Kampagnen zeigen bemerkenswerte Parallelen: sie sind von einer bis dahin nicht gekannten medialen Professionalität (31), setzen auf die (telegene) Fernsehwirkung des Kandidaten sowie auf direkte und massenhafte Kontakte zu den Wählern (30) und sie sind Teil einer inhaltlichen, rollenmäßig schlüssigen Gesamtkonzeption. Außerdem symbolisieren sie Modernität, ein neues demokratisches Zeitalter („New Britain“; „Wir schaffen das moderne Deutschland“) und Bürgerpartizipation („Wir wollen mehr Demokratie wagen“). Münkel und Seegers ziehen die Linie bis zu Barack Obama, dessen „Yes we can“-Kampagne (10) wie ein modernes Remake der Kennedy-Kampagne wirkt. Dass Imagebildung auch scheitern kann, belegt Thomas Mergels Beitrag über Rainer Barzel, der 1972 gegen Willy Brandt chancenlos war. Mergel schöpft aus internen CDU-Quellen und vermittelt neue Einblicke in z.T. heftige Konzeptdiskussionen zwischen Parteiführung, Öffentlichkeitsarbeitern der damaligen CDU und beteiligten Agenturen und Beratern. Bei Barzel passte demnach nichts zusammen. Inhalt und gewolltes Image (Der „neue Barzel“, 59) waren nicht abgestimmt, ließen sich auch nicht den Kandidaten übertragen. In weiteren Beiträgen geht es darum, den Imagebegriff zu historisieren und auf den Feldern Politik, Ökonomie, Gesellschaft und Kultur anzuwenden. Damit betreten die Herausgeberinnen Neuland.