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Pankaj Mishra lässt die Zornigen wüten – über Jahrhunderte

In Kapitalismus, Politikwissenschaft, Sachbuch on September 25, 2018 at 8:39 pm

„Das Zeitalter des Zorns“ von Pankaj Mishra ist ein unkonventionelles Buch. Es erklärt die Hass-Ausbrüche der Gegenwart mit der Ideengeschichte der Vergangenheit. Er zieht Parallelen vom mystizistischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts zu den neuen ressentimentgeladenen Regimes des 21. Jahrhunderts und liegt damit gar nicht einmal so falsch.

Dass religiöser Fundamentalismus „im Grunde Ausdruck für die Schwächung religiöser Überzeugungen ist“, lässt sich nicht abstreiten.

Deutsche Sozialwissenschaftler haben dem Inder Pankaj Mishra vorgeworfen, dass er seine Thesen nicht empirisch untermauere. Aber muss er das?

Er argumentiert überzeugend.

Seine These: heute wie damals treiben Technologie und die Gier nach Reichtum und Individualismus Millionen Menschen ziellos in eine demoralisierte Welt. Es sind Entwurzelte, die von der Moderne nicht profitieren und deshalb mit Hass auf imaginäre Feinde und Zorn und Wut und Gewalt reagieren.

Es sind aber nicht nur die Abgehängten, es sind auch „kleinbürgerliche Demagogen“ (S. 235), die mit ihrer Sehnsucht nach einer heilen Welt, die es nie gab, Profit aus dem Hass auf die Moderne und die individualistischen Eliten ziehen wollen.

Man sieht die ressimentgetränkten Gaulands und Weidels vor sich, die Hass säen mit ihren Reden, man denkt an Marine le Pen oder die Prominenten der Lega Nord und sieht überall die gleichen Muster.

„In Zeiten spiritueller und psychischer Schwäche haben Anarchisten, Terroristen und Despoten stets leichtes Spiel“, erläutert Mishra schlüssig (S. 63).

Mishraj beschreibt das Freiheitsparadoxon, dass man einerseits individuelle Freiheit erlebt und dass andererseits die Sehnsucht nach einem „Herrn“ unstillbar scheint, ein Paradoxon, „das vom nachrevolutionären Frankreich bis hin zum IS immer wieder aufscheint: dass nämlich gerade die Erahrung individueller Freiheit eine verzweifelte Sehnsucht nach einem ‚Herrn‘ wecken kann, wie Tocqueville dies ausdrückte, aber ebenso auch etwas, das der französische Schriftsteller, der sich verständnisvoll über die französischen Imperialisten in Algerien äußerte, als ‚unstillbares Bedürfnis nach Handeln, heftigen Emotionen, Wirren und GefahrenÄ bezeichnet.“ (63)

Wir sollten nicht vergessen, dass mit ähnlichem Unterbau der Erste Weltkrieg begann. Expressionisten wollten „die Tat“. Doch der folgende Krieg sorgte rasch für Entsetzen und Entzauberung.

Und nun – 100 Jahre später – fängt dies alles schon wieder an.

„Die Rattenfänger des IS haben besonders gut verstanden, dass gedemütigt und verletzte Männer, ob nun in Pariser Banlieues oder in asiatischen und afrikanischen Slums, sich leicht in gehorsame und furchlose Kämpfer verwandeln lassen, wenn man ihnen ein hehres Ziel gibt, für das sie kämpfen können, das sich, wie dürftig auch immer, mit dem vergangenen glanz des Islam verknüpfen lässt und das darauf ausgerichtet ist, eine von seelentötender Mittelmäßigkeit, Feigheit, Opportunismus und unmoralischem Geschacher geprägte Welt auszrotten.“ (63-64)

Aber das sind dann eben doch nur Vorruteile und Ressentiments, die eigentlich nicht zu halten sind und denen man mit einer anderen Politik und einer anderen Wertschätzung den Stachel ziehen könnte.

Aber dieses Fazit zieht der Inder Mishra nicht, im Gegenteil. Sein Befund ist für uns Menschen des Westens alarmierend und trist:

„Der globale Bürgerkrieg steckt tief in uns selbst; seine Maginot-Linie läuft quer durch unser Herz und unsere Seele.“ Denn „unsere Kultur“ – Mishra zählt sich offensichtlich dazu – fördere „unstillbare Eitelkeit und platten Narzissmus.“

Im „neuen Schwarm der Online-Communities“ (369) mit Facebook-Shares und Twitterstürmen „lebten die Menschen weder für sich noch für ihr Land, sondern für die Befriedigung ihrer Eitelkeit und Eigenliebe: das Verlangen und Bedürfnis, die Anerkennung anderer zu finden und von ihnen ebenso geschätzt zu werden wie man sich selbst schätzt.“

Kein Ausweg? Nirgends?

Vielleicht doch.

Wenn wir nicht an die „Früchte des Zorns“ glauben, schon gar nicht an die Brandstifter der Volks-Erwütigung, sondern ganz altmodisch an gute Mächte, an christliche Werte, an Humanismus und die unbändige Kraft von Frieden und Freiheit.

Wir müssen diese unbändige Kraft aber schon selbst weitergeben. Aber das führt nun weit über Pankaj Mishras Bestseller hinaus ins Individuelle.

Armin König

Pankaj Mishra: „Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart“, aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 416 Seiten, ISBN: 9783103972658

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„Die USA werden zu einer Nation, die zuerst schießt und erst danach Fragen stellt“ – Die USA und das Ende der Diplomatie

In Politikwissenschaft, Sachbuch, USA on September 25, 2018 at 6:46 pm

„Amerikas Außenpolitik dankt ab“ – und damit auch die Funktion der USA als westliche Führungsmacht. Ronan Farrow, Journalist, Jurist und Diplomat, setzt sich pointiert mit dem „Ende der Diplomatie“ auseinander und erklärt, „warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist“. Donald Trumps „America First!“ ist ein Schlüssel zum Verständnis dieses fundamentalen Umbruchs in der US-Außenpolitik. Aber das Desaster hat nicht erst unter Trump begonnen.

Die Anfänge führen zurück zu George W. Bush und den 11. September 2001. Seither hat die offizielle US-Politik immer häufiger Militärs und Militärberatern Entscheidungen überlassen. „Außenministerien gibt es noch immer“, schreibt Farrow (25). „Aber ausländische Militärs und Milizen sitzen oft auf den besseren Plätzen.“ Überall auf der Welt hätten zunehmend uniformierte Offiziere die Verhandlungen an sich gezogen. „Die letzten Diplomaten, Bewahrer einer schwindenden Disziplin, die Amerikanern das Leben rettete und Strukturen schuf, die zu einer stabileren Welt führten, schafften es oft genug gar nicht erst in den Besprechungsraum.“ (25)

Von den Kriegen in Afghanistan und im Irak über die Krisengebiete Somalia, Syrien und Ägypten bis hin zum Drogenkrieg in Kolumbien zeichnet Farrow an vielen Beispielen die desaströsen Folgen einer Falken-Politik nach. Er zitiert James Baker,G eorge Bushs Außenminister, mit den Worten: „Ich habe schon immer gesagt, dass Diplomatie am besten funktioniert, wenn eine gepanzert Faust dahintersteht“. Aber inzwischen steht die gepanzerte Faust nicht mehr hinter der Diplomatie, sie ersetzt professionelle Außenpolitik. Verschärft hat sich dies unter dem chaotischen Regiment Donald Trumps.

Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow berichtet als Insider und Ex-Diplomat aus dem Maschinenraum der Weltmacht, deren außenpolitische Aktivitäten seit Trumps Amtsantritt weltweit immer wieder und immer öfter für Verwirrung, Verunsicherung und zeitweise für Entsetzen sorgen. Nichts ist mehr wie es war, niemand kann sich mehr sicher sein. Farrows Buch ist desillusionierend. Und weil es die Mechanismen der Macht der „Falken“ offenlegt, ist es so wichtig.

Die Politik der Stärke drängt zivile Optionen der internationalen Krisenbewältigung in den Hintergrund. So bleiben im Sinne der Falken am Ende nur die militärischen Optionen. Und genau davor warnt Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow.

Sein knallhartes Fazit:

„Die USA werden zu einer Nation, die zuerst schießt und erst danach Fragen stellt.“

Ronan Farrows Buch hat das Zeug zum Bestseller – weltweit. Und Rowohlt hat sich die deutschen Rechte gesichert. Das war ein kluger Schachzug.

Ronan Farrow ist nicht nur Journalist und Diplomat, er hat auch eine spannende Biografie. Er ist Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Während der ersten Obama-Regierung arbeitete er im amerikanischen Außenministerium. Von 2001 bis 2009 war er UNICEF-Sprecher für die Jugend. 2018 erhielt er den Pulitzer-Preis für seine Recherchen im Fall Harvey Weinstein.

Armin König

Ronan Farrow:
Das Ende der Diplomatie
Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist.
Übersetzt von: Helmut Dierlamm; Heide Lutosch; Hans-Peter Remmler; Gabriele Würdinger
Reinbek 2018: Rowohlt
544 Seiten, 22,00 Euro
ISBN:  978-3-498-02006-4

Erich Hackl – Am Seil – Über Bürger-Heldentum in Zeiten des Naziterrors

In Belletristik on September 2, 2018 at 9:22 pm

Manchmal sind es die schmalen Bücher, die besonders stark wirken.

Der Österreicher Erich Hackl hat mit „Am Seil“ ein solches wirkmächtiges Buch geschrieben. Dabei arbeitet er mit dem Stilmittel der Verknappung. Als Autor tritt er völlig hinter der geradezu dramatischen Geschichte um die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia und den Wiener Handwerker und Bergsteiger Reinhold Duschka zurück. Duschka hat in der Zeit des Naziterrors Regina und Lucia vor dem sicheren Tod bewahrt. Ein unsichtbares Seil hat die Drei verbunden.

»Ihr Tod in der Gaskammer, das wäre auch Lucias, Reginas Schicksal gewesen. Hätte es ihn nicht gegeben, Reinhold Duschka.« Mit diesem Satz lässt Hackl seine Erzählung ›Am Seil‹ auf Seite 117 ausklingen.

Auf den 116 Seiten davor spannt wie Hackl, auf die Erinnerungen Lucias gestützt, den Bogen von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart – mit einem Schwerpunkt auf Krieg und Nazijahre, als Hunger, Verzweiflung und Todesängste und die systematische Verfolgung und Vernichtung der Juden allgegenwärtig waren.

Mit Beklemmung liest man, wie Duschka in seiner Werkstatt ein Versteck zimmert, welche Ängste die Drei auszustehen hatten, wie sie sich über die Runden retteten und überlebten.

Gerade jetzt – in Zeiten, in denen der rechte Mob in Chemnitz seine dreckige Fratze zeigt – sind Bücher wie die von Erich Hackl von größter Aktualität.

Das Buch hat mich gefesselt. Es ist keine leichte Kost. Aber man kann sich von der Erzählung kaum lösen. Sie zieht uns mächtig in ihren Bann.

Armin König

Erich Hackl: Am Seil: Eine Heldengeschichte | ISBN: 9783257070323 | Zürich: Diogenes 2018. 117 Seiten, 20 Euro.