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Davit Gabunia – Farben der Nacht – Ein bärenstarkes Debüt

In Roman on Oktober 24, 2018 at 8:51 pm

Davit Gabunia – Farben der Nacht
Ein bärenstarkes Debüt – Der Paul Auster Georgiens
Rowohlt Berlin

„Er steht und schaut. Hinunter auf ihn. Steht reglos, ebenso reglos, wie der daliegt, auf den er hinunterschaut“.
Davit Gabunia, herausragender Literaturkritiker in Georgien, steigt unvermittelt ein ins Geschehen bei seinem Romandebüt „Farben der Nacht“. Das geht gleich mitten rein in die Sinnesorgane. „Wie eigenartig Blut riecht“. Und er weiß, dass er diesen Geruch nie mehr vergessen wird, und er prägt sich die Szenerie ein: „Er steht und schaut auf den Körper hinunter. Schön ist er, denkt er. Diesen Gedanken kann er nicht zurückhalten“. Die „Farben der Nacht“ beginnen höchst intensiv mit einer Blutlache und einem sterbenden Körper mit zerschmetterter Stirn. Da ist einer, der diesen Todesfall fotografiert und dabei wohl Befriedigung empfinden wollte, aber nicht kann.
Harte Story, hartes Leben in Georgien, hartes Schicksal. Und eine knallharte Story. Hemingway? Könnte hinhauen, ist aber zu lange tot. Es gibt einen besseren Vergleich: Davit Gabunia ist der Paul Auster Georgiens, lakonisch und foto/filmbegeistert, das kann kein Zufall sein.
Ob dieser Fotograf, der steht und schaut, Surab ist, der Mann ohne Job, der sich um die Kinder Gio und Datuka kümmert, während Tina im Büro arbeitet? Bestimmt. Denn Surab ist nach dem einführenden Kapitel über den ermordeten jungen Mann der Erste, der zu Wort kommt.
Surab erinnert sich an den Moment im August 2012, an dem er den Mann mit dem roten Alfa Romeo zum ersten Mal in seinem Wohnblock in Tiflis gesehen hat. Der Name des jungen Mann ist Schotiko. „Es war ein völlig unnatürliches Rot“, lässt Davit Gabunia seinen Anti-Helden Surab sinnieren. Der langweilt sich, weil die Kinder bei der Schwiegermutter untergebracht sind (- es sind Sommerferien -) und die Frau Tag für Tag Überstunden macht und spät nach Hause kommt. Und so beobachtet Surab heimlich den Nachbarn im Nebenblock, sieht, wie zwei offensichtlich schwule Jungs auf dem Sofa sitzen und miteinander knutschen. Es ist der Beginn einer verhängnisvollen Obsession.
Das turbulente Jahr 2012, als die Georgier zunehmend unzufrieden werden mit ihrem Präsidenten Saakaschiwili, wird zur Folie und zum Rahmen der Krimigeschichte, die ziemlich schnell Fahrt gewinnt.
Surab wird zum heimlichen Beobachter des Alfa-Romeo-Nachbarn und stellt bald fest, dass der Alfa-Fahrer einen Romeo empfängt, einen hohen Beamten vom Staatsschutz. Das weiß er kurze Zeit später, weil er den Schlips-Typen im Fernsehen gesehen hatte.
So plötzlich wird das Setting Hitchcock-mäßig: Natürlich ist es das „Fenster im Hof“, das der erfahrene Autor und Kritiker Gabunia im lakonischen Paul-Auster-Stil wieder aufleben lässt. Am 28. August macht Surab die ersten drei Fotos vom mittelalten Staatsicherheitbeamten Merab und seinem jungen Romeo Schotiko, die er später wieder löscht, damit seine Frau Tina – es ist ihre Kamera – nicht sieht. Tags darauf sind es schon 200 kompromittierende Fotos. Er löscht wieder alle bis auf 30, die er auf den Laptop zieht und in einem Musikordner versteckt – in „einem Unterunterordner des Ordners“. Wie manche Männer das wohl so machen.
Surab ist unzufrieden, weil seine Frau nicht mit ihm schläft, weil sie entweder zu müde ist oder keine Lust hat. So wird die Ehe zum Frust. „Es ist sowas von ätzend, wenn sie nicht will und nur ich will. Das ist doch kein Sex mehr. Für sie ist es Pflicht geworden. … Manchmal glaube ich, sie hat mich satt.“ Neun Jahre sind die Beiden verheiratet, der 31jährige Surab sagt, er habe seine Frau noch kein einziges Mal betrogen. Um so mehr ärgert er sich, dass sie in diesem heißen August nicht scharf auf Sex ist. Tina aber ärgert sich, weil Surab sich verändert hat, extrem spät ins Bett geht und tagsüber verschlafen durch die Wohnung wandert.
Also vertreibt Surab sich die Zeit mit Spannen und Fotografieren – oder mit dem Taugenichts Ika, Sie saufen und kiffen zum Ärger von Tina.
Während die Ehe von Surab und Tina zunehmend kriselt und schließlich aus den Fugen gerät, nimmt auch die Geschichte der schwulen Lover Fahrt auf. Es kommt zum großem Eifersuchtsdrama, während in Tiflis die politische Lage kritisch wird. Nachdem im Fernsehen schwer zu ertragende Videos kursieren, wonach in den georgischen Gefängnissen gefoltert wird, herrschen in der Stadt „apokalyptische Verhältnisse“: Die Menschen begehren auf und wehren sich, schließen sich zu einem Oppositionsbündnis zusammen und gehen wütend auf die Straße
Am 2. September 2012 geschieht schließlich etwas, was alles verändert…
Surab filmt, was er nicht hätte filmen sollen. Ein Eifersuchtsdrama. Einen Mord. Und mit einer Erpressung will er eine Stelle bekommen, um seine Ehe, seine Familie, sich selbst zu retten.
Natürlich wollen wir nicht spoilern und hier nicht mehr verraten.
Das Buch fasziniert. Es ist hart und gut.
Armin König

 

Davit Gabunia: Farben der Nacht

übersetzt von: Rachel Gratzfeld

Rowohlt Berlin 2018. 192 Seiten

ISBN:  978-3-7371-0041-0

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Pankaj Mishra lässt die Zornigen wüten – über Jahrhunderte

In Kapitalismus, Politikwissenschaft, Sachbuch on September 25, 2018 at 8:39 pm

„Das Zeitalter des Zorns“ von Pankaj Mishra ist ein unkonventionelles Buch. Es erklärt die Hass-Ausbrüche der Gegenwart mit der Ideengeschichte der Vergangenheit. Er zieht Parallelen vom mystizistischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts zu den neuen ressentimentgeladenen Regimes des 21. Jahrhunderts und liegt damit gar nicht einmal so falsch.

Dass religiöser Fundamentalismus „im Grunde Ausdruck für die Schwächung religiöser Überzeugungen ist“, lässt sich nicht abstreiten.

Deutsche Sozialwissenschaftler haben dem Inder Pankaj Mishra vorgeworfen, dass er seine Thesen nicht empirisch untermauere. Aber muss er das?

Er argumentiert überzeugend.

Seine These: heute wie damals treiben Technologie und die Gier nach Reichtum und Individualismus Millionen Menschen ziellos in eine demoralisierte Welt. Es sind Entwurzelte, die von der Moderne nicht profitieren und deshalb mit Hass auf imaginäre Feinde und Zorn und Wut und Gewalt reagieren.

Es sind aber nicht nur die Abgehängten, es sind auch „kleinbürgerliche Demagogen“ (S. 235), die mit ihrer Sehnsucht nach einer heilen Welt, die es nie gab, Profit aus dem Hass auf die Moderne und die individualistischen Eliten ziehen wollen.

Man sieht die ressimentgetränkten Gaulands und Weidels vor sich, die Hass säen mit ihren Reden, man denkt an Marine le Pen oder die Prominenten der Lega Nord und sieht überall die gleichen Muster.

„In Zeiten spiritueller und psychischer Schwäche haben Anarchisten, Terroristen und Despoten stets leichtes Spiel“, erläutert Mishra schlüssig (S. 63).

Mishraj beschreibt das Freiheitsparadoxon, dass man einerseits individuelle Freiheit erlebt und dass andererseits die Sehnsucht nach einem „Herrn“ unstillbar scheint, ein Paradoxon, „das vom nachrevolutionären Frankreich bis hin zum IS immer wieder aufscheint: dass nämlich gerade die Erahrung individueller Freiheit eine verzweifelte Sehnsucht nach einem ‚Herrn‘ wecken kann, wie Tocqueville dies ausdrückte, aber ebenso auch etwas, das der französische Schriftsteller, der sich verständnisvoll über die französischen Imperialisten in Algerien äußerte, als ‚unstillbares Bedürfnis nach Handeln, heftigen Emotionen, Wirren und GefahrenÄ bezeichnet.“ (63)

Wir sollten nicht vergessen, dass mit ähnlichem Unterbau der Erste Weltkrieg begann. Expressionisten wollten „die Tat“. Doch der folgende Krieg sorgte rasch für Entsetzen und Entzauberung.

Und nun – 100 Jahre später – fängt dies alles schon wieder an.

„Die Rattenfänger des IS haben besonders gut verstanden, dass gedemütigt und verletzte Männer, ob nun in Pariser Banlieues oder in asiatischen und afrikanischen Slums, sich leicht in gehorsame und furchlose Kämpfer verwandeln lassen, wenn man ihnen ein hehres Ziel gibt, für das sie kämpfen können, das sich, wie dürftig auch immer, mit dem vergangenen glanz des Islam verknüpfen lässt und das darauf ausgerichtet ist, eine von seelentötender Mittelmäßigkeit, Feigheit, Opportunismus und unmoralischem Geschacher geprägte Welt auszrotten.“ (63-64)

Aber das sind dann eben doch nur Vorruteile und Ressentiments, die eigentlich nicht zu halten sind und denen man mit einer anderen Politik und einer anderen Wertschätzung den Stachel ziehen könnte.

Aber dieses Fazit zieht der Inder Mishra nicht, im Gegenteil. Sein Befund ist für uns Menschen des Westens alarmierend und trist:

„Der globale Bürgerkrieg steckt tief in uns selbst; seine Maginot-Linie läuft quer durch unser Herz und unsere Seele.“ Denn „unsere Kultur“ – Mishra zählt sich offensichtlich dazu – fördere „unstillbare Eitelkeit und platten Narzissmus.“

Im „neuen Schwarm der Online-Communities“ (369) mit Facebook-Shares und Twitterstürmen „lebten die Menschen weder für sich noch für ihr Land, sondern für die Befriedigung ihrer Eitelkeit und Eigenliebe: das Verlangen und Bedürfnis, die Anerkennung anderer zu finden und von ihnen ebenso geschätzt zu werden wie man sich selbst schätzt.“

Kein Ausweg? Nirgends?

Vielleicht doch.

Wenn wir nicht an die „Früchte des Zorns“ glauben, schon gar nicht an die Brandstifter der Volks-Erwütigung, sondern ganz altmodisch an gute Mächte, an christliche Werte, an Humanismus und die unbändige Kraft von Frieden und Freiheit.

Wir müssen diese unbändige Kraft aber schon selbst weitergeben. Aber das führt nun weit über Pankaj Mishras Bestseller hinaus ins Individuelle.

Armin König

Pankaj Mishra: „Das Zeitalter des Zorns. Eine Geschichte der Gegenwart“, aus dem Englischen von Laura Su Bischoff und Michael Bischoff, S. Fischer Verlag, Frankfurt, 416 Seiten, ISBN: 9783103972658

„Die USA werden zu einer Nation, die zuerst schießt und erst danach Fragen stellt“ – Die USA und das Ende der Diplomatie

In Politikwissenschaft, Sachbuch, USA on September 25, 2018 at 6:46 pm

„Amerikas Außenpolitik dankt ab“ – und damit auch die Funktion der USA als westliche Führungsmacht. Ronan Farrow, Journalist, Jurist und Diplomat, setzt sich pointiert mit dem „Ende der Diplomatie“ auseinander und erklärt, „warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist“. Donald Trumps „America First!“ ist ein Schlüssel zum Verständnis dieses fundamentalen Umbruchs in der US-Außenpolitik. Aber das Desaster hat nicht erst unter Trump begonnen.

Die Anfänge führen zurück zu George W. Bush und den 11. September 2001. Seither hat die offizielle US-Politik immer häufiger Militärs und Militärberatern Entscheidungen überlassen. „Außenministerien gibt es noch immer“, schreibt Farrow (25). „Aber ausländische Militärs und Milizen sitzen oft auf den besseren Plätzen.“ Überall auf der Welt hätten zunehmend uniformierte Offiziere die Verhandlungen an sich gezogen. „Die letzten Diplomaten, Bewahrer einer schwindenden Disziplin, die Amerikanern das Leben rettete und Strukturen schuf, die zu einer stabileren Welt führten, schafften es oft genug gar nicht erst in den Besprechungsraum.“ (25)

Von den Kriegen in Afghanistan und im Irak über die Krisengebiete Somalia, Syrien und Ägypten bis hin zum Drogenkrieg in Kolumbien zeichnet Farrow an vielen Beispielen die desaströsen Folgen einer Falken-Politik nach. Er zitiert James Baker,G eorge Bushs Außenminister, mit den Worten: „Ich habe schon immer gesagt, dass Diplomatie am besten funktioniert, wenn eine gepanzert Faust dahintersteht“. Aber inzwischen steht die gepanzerte Faust nicht mehr hinter der Diplomatie, sie ersetzt professionelle Außenpolitik. Verschärft hat sich dies unter dem chaotischen Regiment Donald Trumps.

Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow berichtet als Insider und Ex-Diplomat aus dem Maschinenraum der Weltmacht, deren außenpolitische Aktivitäten seit Trumps Amtsantritt weltweit immer wieder und immer öfter für Verwirrung, Verunsicherung und zeitweise für Entsetzen sorgen. Nichts ist mehr wie es war, niemand kann sich mehr sicher sein. Farrows Buch ist desillusionierend. Und weil es die Mechanismen der Macht der „Falken“ offenlegt, ist es so wichtig.

Die Politik der Stärke drängt zivile Optionen der internationalen Krisenbewältigung in den Hintergrund. So bleiben im Sinne der Falken am Ende nur die militärischen Optionen. Und genau davor warnt Pulitzer-Preisträger Ronan Farrow.

Sein knallhartes Fazit:

„Die USA werden zu einer Nation, die zuerst schießt und erst danach Fragen stellt.“

Ronan Farrows Buch hat das Zeug zum Bestseller – weltweit. Und Rowohlt hat sich die deutschen Rechte gesichert. Das war ein kluger Schachzug.

Ronan Farrow ist nicht nur Journalist und Diplomat, er hat auch eine spannende Biografie. Er ist Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Während der ersten Obama-Regierung arbeitete er im amerikanischen Außenministerium. Von 2001 bis 2009 war er UNICEF-Sprecher für die Jugend. 2018 erhielt er den Pulitzer-Preis für seine Recherchen im Fall Harvey Weinstein.

Armin König

Ronan Farrow:
Das Ende der Diplomatie
Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist.
Übersetzt von: Helmut Dierlamm; Heide Lutosch; Hans-Peter Remmler; Gabriele Würdinger
Reinbek 2018: Rowohlt
544 Seiten, 22,00 Euro
ISBN:  978-3-498-02006-4