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Die Kakerlake: Der Brexit-Roman knallt richtig rein und liest sich süffig weg

In Politikwissenschaft on Januar 26, 2020 at 11:55 pm

Die Kakerlake: Der Brexit-Roman knallt richtig rein und liest sich süffig weg

Die Kakerlake
Ian McEwan
Diogenes
Die Realität ist noch schräger als das, was Bestsellerautor Ian McEwan in seiner Politsatire „Die Kakerlake“ schreibt. Aber er kommt der britischen Brexit-Realität schon ziemlich nahe. Mit bissigem, schwarzen Humor beschreibt er das irrwitzige britische Drama um Brexiteers und Remainer.
Bei McEwan drehen die Realitätsveränderer den Geldfluss um. Brexiteers sind nun Reversalisten, Remainer sind „Vordreher“. Der brillante Autor hatte offenkundig seinen Spaß beim Formulieren. Viel Fabulieren musste er nicht, er konnte er sich ja immer an der kaum übertrefflichen Realität orientieren.
Der Premierminister heißt Jim Sams und war zuvor eine Kakerlake, die sich in einen Menschen verwandelt hat.
Natürlich erinnert dies an Franz Kafkas „Verwandlung“ und Gregor Samsa. „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. Er lag auf seinem panzerartig harten Rücken und sah, wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch, auf dessen Höhe sich die Bettdecke, zum gänzlichen Niedergleiten bereit, kaum noch erhalten konnte. Seine vielen, im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen.“
Wie bei Gregor Samsa und Kafka klopft es auch bei Ian McEwan und Jim Sams an der Zimmertür, und der neue Mensch, der einst Kakerlake war, muss nun eine Kabinettssitzung leiten.
Sein Programm „Reversalismus“, das die Geldflüsse umkehrt, ist völlig absurd und weltweit einmalig, aber es ist der Wille einer Volksmehrheit, die sich in einem Referendum für den vollkommenen Unsinn entschieden hat, möge auch die ganze Welt dagegen sein. Die Idee ist einfach: Wer arbeitet, muss dafür zahlen, wer konsumiert, kassiert auch noch. Die Reichen profitieren am meisten.
Premier Johnson und seine Rivalen sind auf den ersten Blick zu erkennen, auch der chaotische US-Präsident Archie Tupper mit seinem sinnfreien Kommentaren ist in diesem Schlüsselroman kaum verfremdet.
Dass das Buch Kalauer liefert, wundert angesichts der Parallelen zwischen literarischer Groteske und Realität nicht.
„Wir befinden uns im freien Fall“, hat Ian McEwan in einem Interview erklärt. Und so ist sein Schlüsselroman voll von beißendem Spott über die Regierung, die Politik, die Zeitungen, die Reversalisten und damit über die Brexiteers.
Mein Fazit:
1. Ian McEwan hat mit »Die Kakerlake« einen leicht zu lesenden Unterhaltungsroman geschrieben, der als Schlüsselroman politische Meinungen transportiert..
2. Ian McEwan verweist mit seiner Er-zählung unmittelbar auf Franz Kafkas »Die Verwandlung«. Das ist unbestritten und wird auch von allen Kritikern hervorgehoben. Dass McEwan Kafka gelesen hat, ist unübersehbar.
3. Ähnlichkeiten mit Kafka sind beabsichtigt und nicht zufällig.
4. McEwan verfremdet Kafkas Gregor Samsa zu Jim Sams.
5. Das Insekten-Motiv steht bei Kafka für Isolation, Rückzug, die Panzerung von Gefühlen, aber auch für Abwertung, Isolation, Ausweglosigkeit, Selbstzweifel und Ekel, für Unterlegenheit und Bewegungseinschränkung bis hin zur Bewegungsunfähigkeit und zur Vernichtung.
6. Der zum Käfer verwandelte Gregor Samsa ist in einer existenziell ausweglosen Lage.
7. Der Käfer Gregor Samsa ist kommunikationsunfähig. Er will aber auch nicht kommunizieren und vermeidet mit der Metamorphose die Auseinan-dersetzung mit Vater, Schwester und Gesellschaft.
8. Gregor Samsa ist in der Hierarchie ganz unten gelandet – in hässlicher Gestalt.
9. Ian McEwans Unterhaltungsroman reicht an Kafkas expressiv-existenzialistische Erzählung nicht heran. Während Kafkas Erzählung eine Parabel für die (individuelle) menschliche Existenz ist und dabei das Scheitern einer Person beschreibt, ist »The Cockroach« /»Die Kakerlake« eine Farce auf den britischen Politikbetrieb zu Zeiten zu Zeiten des Brexit. Diese Farce wird von der Realität weit übertroffen.
10. Kafkas Präsentation des Drastischen ist dramatisch, McEwans Darstellung des Ekelerregenden wirkt auf das Gros der Leser komisch.
11. Mit seinem poetischen Ansatz steht McEwan Dürrenmatt näher als Kafka. Der Dürrenmatt-Ansatz ist in sich stimmig.
12. Darf man einen Regierungschef zur »Kakerlake« machen, auch wenn es nur eine literarische Groteske, eine böse Satire, eine ironische Verfremdung ist? Ja, auch und gerade im Sinne Brechts und Dürrenmatts. Verfremdung ist Teil der Poetik.
13. Die Art der Satire ist möglicherweise grenzwertig, aber Literatur muss provozieren. Ob dies zur Verrohung der politischen Auseinandersetzung bei-trägt, liegt an der Umsetzung. Der Autor muss dies mit sich ausmachen. McEwans Umsetzung ist nicht verwerflich.
14. Ist sprachliche Stigmatisierung ein Mittel zur Feindbild-Konstruktion ? Ja. Aber die Novelle ist Fiktion.
15. Ist McEwans Politsatire gelungen? Ja. Aber die Erzählung hat Schwächen.
16. Das Buch liest sich locker-flockig und schnell und gibt charmante Einbli-cke in die britische Brexit-Gesellschaft. »The Cockroach« stellt den Irrsinn dieser Welt durch Übertreibung glaubhaft dar.
17. Es ist nicht verboten, sich von einer leichten Farce gut unterhalten zu lassen, zumal wenn die politischen Implikationen treffend dargestellt sind.
18. »The Coackroach« richtet mit seiner Ungeziefer-Parabel bei den Lesern keinen Schaden an, da sie nicht bösartig ist, und darf ohne Scham konsu-miert werden. Es stellen sich bis auf ein leichtes Unbehagen praktisch keine Nebenwirkungen ein.
19. Ian McEwans Novellenfarce »The Cockroach« / »Die Kakerlake« ist weit-aus besser als ihr Ruf. Der Autor hatte angesichts der Absurditäten in der britischen und europäischen Politik gar keine andere Wahl, als eine Tragikomödie zum Brexit zu schreiben. Sie amüsiert und sorgt doch dafür, dass das Lachen im Halse stecken bleibt.
20. Damit steht Ian McEwan in einer langen literaturgeschichtlichen Tradition. So wenig wie der Autor oder die Autorin heute im Schillerschen Sinne die reale Welt als Vorbild für sein Fikti-on der Geschichte wählen kann, sowenig kann er das reine Lustspiel wählen. Es sind vielmehr Tragikomödien, die unsere Zeit prägen, bei denen uns das Lachen im Hals steckenbleibt. Wo die Weltmetzger herrschen, kann kein reines Lustspiel mehr inszeniert werden. Das sind die Grenzen der Schriftstellerei in unserer Zeit.
Der Roman knallt richtig rein und liest sich süffig weg. Die Welt verändern wird er trotzdem nicht.
Armin König

»Der unsichtbare Roman« von Christoph Poschenrieder ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur

In Belletristik, Deutschland, Geschichte, Zeitgeschichte on Januar 26, 2020 at 11:29 pm

Ich habe ein kleines Meisterwerk entdeckt
CHRISTOPH POSCHENRIEDER
DER UNSICHTBARE ROMAN
DIOGENES VERLAG

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»Sei Politiker oder Schriftsteller. Oder sei Goethe, wenn du kannst. Dafür reicht es bei den allerwenigsten.« Der Schriftsteller Gustav Meyrink aber soll beides miteinander verbindet. Er hat ein empörendes Angebot bekommen – im Auftrag des Auswärtigen Amts, das dringend einen Sündenbock für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs braucht.
»Das Auswärtige Amt der Reichsregierung hat die Absicht, Ihnen die Ausarbeitung eines Romans anzutragen, welcher dem Zweck dienen soll, einer größeren Öffentlichkeit über die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 die Augen zu öffnen, indem er die Drahtzieher aus dem trüben Dunkel ihrer Hinterzimmer herausscheucht und ins grelle Rampenlicht stellt.«
Der nicht mehr ganz so erfolgreiche Ex-Erfolgsautor soll den Freimaurern per Roman die Verantwortung zuschieben. Dabei wissen wir doch, dass das Attentat von Sarajewo 1914 und die Kriegstreiberei des Deutschen Reichs entscheidend für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren. Aber es geht ja gerade nicht um die Wahrheit, sondern um die fiktiv gesteuerte Zuschreibung von Schuld.
Meyrink hält sich für völlig ungeeignet. Keine Politische Richtung, wenn er in einer Partei wäre, dann bestenfalls in einer noch zu gründenden Unabhängigen Egoisten-Partei. An den Dingen, »die eine Nation mit Stolz erfüllen«, hat er kein Interesse, von den Ikonen des Patriotismus will er nicht den Hut ziehen. »Gäbe man ihm eine Fahne in die Hand – er schwenkte sie nicht, täte ihr womöglich Dinge an, die ihn ins Gefängnis brächten.« Und doch sagt er nicht nein, denn der Verleger hat immer ordentlich gezahlt, und Meyrink braucht das Geld.
»Es zwickt und beißt« in Meyrinks Portemonnaie. »Das Haushaltsbuch ist das einzige Buch, das er in letzter Zeit regelmäßig anfasst, um mit dem Bleistift (als gäbe es etwas zu radieren) das Desaster seiner finanziellen Lage zu protokollieren. Das ist peinigend und reinigend«. Sein Wohnen am Starnberger See ist Fassade. Zwar hat er ein Vermögen mit dem Roman »Der Golem« gemacht, aber das schnöde Leben kostet. Zuviel natürlich. Dass ihm die Zuwendungen in Zeiten des Krieges teilweise entzogen werden, hängt eben auch mit fehlendem Patriotismus zu tun. Und die Kriegsjubler und Hurrapatrioten (»Teutobolde«} haben ihn längst auf dem Kieker, ihn als »völkischen Schädling« gebrandmarkt. Aber er lebt noch, und er genießt noch, soweit dies angesichts seiner Finanzlage noch möglich ist.
Das ist die Prämisse des Buchs von Christoph Poschenrieder »Der unsichtbare Roman«.
Biografisch passt das Setting.
Meyrink, 1868 in Wien als unehelicher Sohn eines adligen Staatsministers und der Hofschauspielerin Marie Meyer geboren, war unkonventionell, ein soignierter Bohemien und Eigenbrötler mit einem Hang zum Okkulten und Spirituellen, das er allerdings geradezu empirisch erprobte. Er war ein Mensch, der seine wahre Bestimmung immer wieder suchte, auch bei Freimaurern und Illuminaten, und der dabei nicht nur seinen Namen von Meyer zu Meyrink wechselte, sondern auch diverse Selbsterfahrungstrips flog.
Sein erster Roman »Der Golem«, ein phantastisches Werk in der Tradition E.T.A. Hoffmanns, war auch gleich das Hauptwerk des Abenteurers.
Dass das Auswärtige Amt Meyrink tatsächlich damit beauftragte, einen Propagandaroman zu schreiben, gilt als belegt. Poschenrieder startet genau an diesem Punkt, lässt Meyrinks Geliebte intervenieren, weil dieser seine Reputation aufs Spiel setzt (»Damit schreibst du dich selbst in Grund und Boden, fürchte ich«), aber schließlich soll der Autor, der auf dem absteigenden Ast sitzt, seinen Schundroman eben schreiben. »Des Geldes wegen«. (45)
Ein Pseudonym wäre vielleicht nicht schlecht, aber das wollen die Auftraggeber ja nicht, wie Mena anmerkt: »Gustl, verstehst du es noch immer nicht? Sie haben dich wegen deines Namens erwählt. Du sollst der Kronzeuge sein. Weniger das, was gesagt wird, ist wichtig, sondern, wer es sagt« (44).
Und dieser »Gustav Meyer, der stadtbekante Bankier, Okkultist und Rennruderer« (45), der gern »an der Lenkkurbel« des kleinen Benz-Motorwagens sitzt und der Geld braucht, nachdem er zwölf Jahre finanzieller Miseren, Ehrenhändel, Gerichtsverfahren inklusive Untersuchungshaft, öffentlicher Erniedrigungen, schwerer Krankheiten« samt einer Trennung von seiner Frau Hedwig erlebt und erlitten hatte und der nach seinen Bestsellererfolgen nicht mehr auf das bisschen Luxus und Anerkennung verzichten will, lässt sich tatsächlich korrumpieren, wenn auch nicht so richtig.
Poschenrieder ist ein gewiefter Erzähler.
Er schreibt süffig, streut Recherchenotizen ein und objektiviert damit seinen fiktiven Schlüsselroman. Poschenrieder zitiert Notizen aus Kurt Eisners Gefängnistagebuch, aktualisiert sie sozialkritisch-politisch, lässt Eisner den Satz »ich werde die Freiheit erleben!« niederschreiben, zitiert aus den »Meyrinkiana der Bayerischen Staatsbibiothek München, Handschriftenabteilung«, gibt dem Telegramm des Auswärtigen Amtes (Nachrichtenabteilung) an Meyrink zum »Freimaurerroman« den seriösen Anstrich, bevor die Story beginnen kann.
Es wird für Meyrink dann aber doch viel schwerer als erwartet. Vorschuss schützt nicht vor Schreibblockade.
Aber erst muss er nach Berlin fahren – erster Klasse mit dem Zug, versteht sich. Wo er einem pathetisch selbstgefälligen Offizier die Meinung geigt (»Diese bornierten Kerle, deren Haltung nicht von Rückgrat, sondern bestenfalls von einem gestärkten Uniformhemd herrührt«).
Poschenrieder lässt zunächst Kurt Hahn auftreten, der im Auswärtigen Amt angeblich als englischer Lektor die britische Presse analysiert und seine Erkenntnisse in Memoranden für die politische Elite aufbereitet. Er hat viel studiert, so die Beschreibung, vor allem aber die korrekte Zubereitung von Tee. Kurt Hahn also, der übrigens 1920 mit Max von Baden das Internat Schloss Salem gründete, wie wir einer weiteren Recherchenotiz Poschenrieders entnehmen, wird der Kontaktmann Meyrinks. »Miese Zeiten, um anglophil zu sein, mein lieber Herr Meyrink, meinen Sie nicht auch?«, meint Teezeremonienmeister und Nachrichtenspezi Hahn, was uns in Zeiten des Brexits dann doch ein Lächeln entlockt.
So verbindet Autor Poschenrieder geschickt die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem 21. Jahrhundert.
Und wie heute galt schon damals: »Worte sind heute Schlachten. Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten.«
Es geht tatsächlich um Meyrink als Kronzeugen und Satiriker:
»Sie sind ein ahnungsvoller Schriftsteller. Sie sehen Dinge, die andere nicht sehen. Und Sie machen keine Gefangenen, Sie haben alle beleidigt: Professoren Offiziere, Beamt, Adel, deutsche Frauen“ – und schließlich »Ärzte, Diplomaten, Polizisten, Schriftstellerkollegen sowie Sachsen und Österreicher.« (64)
Wenn das mal kein guter Kronzeuge ist. Wenn er über die Kriegsschuld schreibt, so hat sich das Auswärtige Amt das ausgedacht, dann werde niemand annehmen, er sei das Sprachrohr dieser oder jener Partei. Und natürlich hat sich das Auswärtige Amt die Schuldigen aus bösartigen Gründen ausgesucht, auch wenn sie mit der Schuldfrage so viel zu tun haben »wie der Sonnenaufgang«, also nichts. Aber wenn der Krieg vorbei ist, werde abgerechnet. Da sei es gut, Schuldige zu haben. Warum die Freimaurer? »Keiner traut ihnen, und jeder traut ihnen alles zu«, meint Hahn, um eine noch bösartigere Pointe hinzuzufügen: »Nicht alle Juden sind Freimaurer, aber viele Freimaurer sind Juden.« Natürlich protestiert Meyrink. Bis Hahn wissen lässt, er sei selbst Jude und stehe unter dem Schutz von Prinz Max von Baden, der vielleicht der nächste Reichskanzler werde (»ich arbeite daran, aber ich bitte Sie, dies für sich zu behalten«).
Kaum haben wir uns darauf eingelassen, stellt Poschenrieder in einer neuen Recherchenotiz aus dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde an seine Verlagslektorin klar, dass Kurt Hahn wohl der falsche Hahn war und dass der richtige Hahn ein Karrierediplomat namens Bernhard von Hahn war, der später Konsul in Rotterdam und Amsterdam wurde.
So kommt also die Meta-Ebene ins Vexier-Spiel: Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman, der erst geschrieben werden muss.
Genau davor drückt sich Meyrink trotz des Vorschusses und der bequemen Rahmenbedingungen in einer wilden Zeit.
Poschenrieder treibt den literarischen Spaß um Literatur in der Literatur auf die Spitze. Die Pointe ist genial.
Geheimdienstler Bernhard von Hahn ist der Vertreter des »Literarischen Büros« und stellt fest: »Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen. Es geht nicht um Stil. Es geht um Wirkung. Nur um Wirkung. Vor allem um die Breitenwirkung. Und Sie haben bereits breit gewirkt. Aus diesem Grund sind Sie für uns interessant. Weil Sie eine Berühmtheit sind.«
Meyrink soll also auf seine Weise zu einem Informellen Mitarbeiter werden – indem er einen gefakten Roman schreibt, wo doch Fiktion in gewissem Sinne immer Fake ist: jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle, hat Max Frisch geschrieben.
Hier heißt die Devise »Romane statt Kanonen. Pointen statt Granaten« (74) Das Honorar ist üppig. Also nimmt Meyrink, der esoterische Yogi und unpatriotische Autor, den Vorschuss an. Und doch lässt er sich nicht wirklich korrumpieren.
Das ist ja der Witz an der Geschichte.
Poschenrieder macht das souverän.
Das ist moderne Literatur par excellence.
Mit Blick auf die Freimaurer kann sich Poschenrieder eine köstliche Pointe nicht entgehen lassen; die ist so genial, dass man sich wundert, dass sie bisher kaum berichtet wurde:
Meyrink fragt, ob er nicht aus Gründen der künstlerischen Freiheit lieber die Illuminaten als die Freimaurer belasten könnte.
Daraufhin lässt Poschenrieder seinen Führungsoffizier von Hahn sagen:
»Illuminaten? Kennt doch kein Mensch. Ein Buch über eine Verschwörung von Illuminaten kann ich mir im Leben nicht vorstellen. Wer will das lesen?«
Zwei Jahrzehnte nach Dan Browns Welterfolg »Illuminati« gönnt sich Poschenrieder ein brillantes Schelmenstück.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.
Natürlich vertröstet Meyrink seine Auftraggeber immer wieder, wie es jeder Literat mit Schreibkrise tut. Natürlich lenkt er sich ab mit allerlei Nebensächlichkeiten und weltlichen Vergnügen, statt heilige Literatur zu schreiben.
Und als sich Meyrink dann tatsächlich an die Schreibmaschine setzt, um seine Fiktion niederzuschreiben, bleibt diese aus Gründen, die die heutige Generation nicht mehr versteht, schlicht unsichtbar. Aber wir wollen nicht spoilern, nur soviel:
»Die Wahrheit ist zu kostbar, um sie Priestern, Politikern und der Presse zu überlassen.«
Es Paul-Austert bei Poschenrieder, eine Spur Kehlmann ist auch dabei.
Das ist ernsthafter, als es auf den ersten Blick scheint:
»Der unsichtbare Roman« ist ein faszinierendes kleines Meisterwerk über das Schreiben von Romanen und den ewigen Kampf des Schriftstellers mit dem leeren Blatt und der Wahrheit.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.

Dr. Armin König

Nein, der Westen ist nicht tot – Ein mutiges Plädoyer

In Deutschland, Europa, Politikwissenschaft, Sachbuch, USA on Dezember 8, 2019 at 10:55 pm

Nein, der Westen ist nicht tot – sagt Thomas Kleine-Brockhoff und schwimmt damit gegen den Strom der Skeptiker und West-Kultur-Pessimisten. Er hat eine Botschaft: „Die Welt braucht den Westen“, schreibt der erfahrene Außenpolitik-Analytiker, der Vizepräsident und Berliner Büroleiter des German Marshall Fund of the United States. Souverän beschreibt er, warum nicht die „dunklen Kräfte“ die besten Chancen haben, sich durchzusetzen, sondern die Protagonisten eines neuen robusten demokratischen Liberalismus.
Ja, auch Kleine-Brockhoff, der lange als ZEIT-Korrespondent gearbeitet hat und der Chef des Planungsstabs von Bundespräsident JoachimGauck war, erkennt die wachsende Macht der Nationalisten und die aktuelle Krise des Westens. Er verkennt nicht „die Popularität des starken Mannes als Staatenlenker“ (41). Und auf der großen Weltbühne haben sich auch noch „der Protektionismus, der Majoritarismus und der Opferkult des Rechtspopulismus, das Denken in Einflusszonen, der historische und territoriale Revisionismus“ (41) breitgemacht.
Personalisiert wird die Krise des Westens durch Donald Trump und einen irrationalen Trumpismus. Aber Kleine-Brockhoff hält dagegen: „Denn es ist unabsehbar, sogar unwahrscheinlich, dass Donald Trumps Amtszeit in einen dauerhaften Trumpismus münden wird“ (16). Der Westen kann nicht so bleiben, wie er ist, auch das ist eine wichtige Erkenntnis des klugen Analytikers. Er hat auch alles dafür getan, um wegen seiner Hybris diskreditiert zu werden. Aber das ist kein Grund, nun all das aufzugeben, was den Westen seit der Aufklärung bis hin zum Liberalismus und der Demokratisierung der Welt stark gemacht hat. „Die Vereinigten Staaten als westliche Vormacht quasi aufzugeben…, wäre fahrlässig“, schreibt Kleine Brockhoff. Die Europäer sollten die Brücken nach Amerika nicht einreißen. In der Post-Trump-Ära würden sie noch gebraucht. Und es gibt ja noch immer genügend überzeugte Atlantiker, die dafür einstehen, was KLeine-Brockhoff empfihelt.
In zehn Kapiteln entwirft er einen „Neustart für eine liberale Ordnung“, und es klingt überzeugend. Nicht der missionarisch-offensive und zum Teil überdehnte westliche Demokratie-Export der letzten Jahrzehnte ist gefragt, sondern ein zurückhaltender, aber glaubwürdiger robuster Liberalismus, der für Aufklärung, Regeln, eine freiheitliche Weltordnung steht. Kleine-Brockhoff kritisiert in diesem Zusammenhang auch die offene Migrationspolitik von Angela Merkel, deren Idealismus mit den machtpolitischen Realitäten nicht in Einklang zu bringen war. „Das Globale mit dem Nationalen versöhnen“ (110), Flüchtlingsschutz, von neuem Allianzen schmieden, um dem Neonationalismus Grenzen zu setzen, Regeln für militärische Interventionen, wenn sie aus humanitären Gründen wirklich unvermeidbar sind – all dies sind große Aufgaben für den Westen. Und sie sind auch eine Chance für eine Renaissance des Westens, der auf solidem liberalem demokratischem Fundament steht. Es gilt, die Attacken neuer Kulturreleativisten abzuwehren. Dabei muss der Westen Abschied von Illusionen nehmen und „den Realitäten einer Welt ins Auge schauen, die geprägt ist von Machtkonkurrenzen“. (26)
Das ist mutig, aber keineswegs weltfremd. Die Freunde der Freiheit und die Kräfte der Mitte sollten nicht in Selbstmitleid baden, sondern sich auf den Weg machen, um die liberale Demokratie gegen all die Egomanen, Nationalisten und Populisten zu verteidigen. Denn deren Scheuklappenpolitik ist zu begrenzt, um in einer komplexen Welt überzeugende Antworten für die Mernschen zu bieten.
Klar sind auch Kleine-Brockhoffs Antworten zu China: Man werde die aufstrebende Weltmacht China nicht „eindämmen“ können (166). Nichts zu tun und auf robuste Antworten zu verzichten, sei aber auch nicht der richtige Weg. „Am Ende sorgt nicht China im Westen für Wohlstand, sondern ein regelbasiertes System freien Handels, das alle Mitglieder für verbindlich halten.“ (166)
Die Positivliste des Westens ist beeindruckend: unveräusserliche Menschenrechte, Herrschaft des Rechts, Gewaltenteilung und repräsentative Demokratie gehören zum Markenkern.
Thomas Kleine-Brockhoff schafft das Kunststück, dem vorherrschenden Kulturpessimismus des Westens die Vision eines aufstrebenden robusten demokratischen Liberalismus entgegenzusetzen, der tatsächlich Chancen hat. Einfach wird das nicht. Im Gegenteil: Das ist ein mühsamer Prozess, der strategisches Geschick verlangt. Aber er lohnt sich. Ein bisschen Mut ist dabei schon notwendig.
Es stimmt doch: Die Welt braucht den Westen. Es wäre fahrlässig, ihn und seine liberalen Ideale aufzugeben.
Ob der Optimismus tatsächlich trägt, ist noch nicht ausgemacht. Dafür müssen die handelnden Politikerinnen und Politiker Europas selbst sorgen.

Dr. Armin König

Thomas Kleine-Brockhoff: Die Welt braucht den Westen. Neustart für eine liberale Ordnung. Edition Körber, Hamburg 2019. 208 S., EUR 18,00; Fr. 28.90HC_120x205_KleineBrockhoff_Westen_190328_final.indd