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Ein neues Standardwerk zu Engagement und Zivilgesellschaft

In Politikwissenschaft, Sachbuch on Januar 13, 2019 at 10:32 pm

Thomas Klie & Anna Wiebke Klie (Hrsg.) : Engagement und Zivilgesellschaft : Expertisen und Debatten zum Zweiten Engagementbericht. ISBN: 978-3-658-18473-5. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften. 580 Seiten. 79,99 Euro. Ebook: 62,99 Euro.

rezensiert von Dr. Armin König

Das Engagement der Zivilgesellschaft ist für eine lebendige Demokratie von unschätzbarer Bedeutung. In einem umfassenden Berichtsband haben die Autoren um Thomas Klie und Anna Wiebke Klie die Ergebnisse des Zweiten Engagementberichts für die Bundesregierung zusammengefasst. Es ist ein umfassendes Referenz- und Standardwerk für alle geworden, die sich mit Engagement, Zivilgesellschaft und dem Leitbild der Bürgerkommune befassen. Auch für die Politik in Bund, Ländern und Gemeinden ist „Engagement und Zivilgesellschaft“ ausgesprochen nützlich und hilfreich.   Es ging darum, einen aktuellen Stand zur „Lebenswirklichkeit und Vielfalt des Engagements und der sehr unterschiedlichen strukturellen Rahmenbedingungen in den Städten und Gemeinden“ (573) zu erfassen, zu dokumentieren, zu analysieren und daraus Politikempfehlungen zu entwickeln. Damit sollen auch Impulse an die Akteure vor Ort gegeben werden. Bei ihren Recherchen  kommen die Wissenschaftler der Zweiten Engagementberichtskommission zum Ergebnis, „dass für die Bürgerinnen udn Bürger in Deutschland das als ‚bürgerschaftlich‘ bezeichnete Engagemente immer mehr zum Lebensstil und zu Selbstverständlichkeit“ (573) werde. Doch Engagement sei nicht nur als individuelle Entscheidung zu einer bestimmten Lebensform zu sehen. Der Rahmen müsse viel weiter gesteckt werden. So müsse man die strukturellen Rahmenbedingungen der jeweiligen deutschen Regionen und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen mit betrachten. Erst dann sei es möglich, „die integrative Wirkung und die Bedeutung des Engagements in seinen verschiedenen Spielarten für eine vitale Zivilgesellschaft, für die soziale Kohärenz, die Gestaltung des ökonomischen Wandels, aber auch für die gelebte Demokratie zu nutzen“. (573)Die gibt es offensichtlich, wie die Autoren auf immerhin 580 Seiten ausführlich erläutern. Zu den Autoren gehören zahlreiche namhafte Wissenschaftler. Es ist ein Who is who der Engagementforschung – darunter sehr unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Umso erfreulicher, dass hier ein in sich konsistenter Berichtsband vorgelegt wird von Baldo Blinkert, Adalbert Evers, Wilhelm Haumann, Michael Hüther, Anna Wiebke Klie, Thomas Klie, Renate Köcher, Thomas Olk (+), Paul-Stefan Roß, Roland Roth, Thorsten Ingo Schmidt und Martina Wagner. In elf umfassenden Kapiteln setzen sie sich mit unterschiedlichsten Facetten von Engagement und Zivilgesellschaft auseinander. 

  1. Einleitung – Zum Inhalt des Sammelbandes (Anna Wiebke Klie & Thomas Klie)
  2. Auftrag, Anliegen, Arbeitsweise der Zweiten Engagementberichtskommission (Thomas Klie)
  3. Engagement in Zahlen (Renate Köcher & Wilhelm Haumann)
  4. Engagement und Bildung (Thomas Olk +)
  5. Bürgerkommune (Paul-Stefan Roß &  Roland Roth)
  6. Daseinsvorsorge aus rechtswissenschaftlicher Perspektive (Thorsten Ingo Schmidt)
  7. Zivilgesellschaftliches Engagement in Deutschland und Europa (Baldo Blinkert & Thomas Klie)
  8. Migration und Engagement (Anna Wiebke Klie)
  9. Flüchtlinge und Engagement 8Adalbert Evers & Anna Wiebke Klie)
  10. Verantwortung und Identität vor Ort (martina Weger & Thomas Klie)
  11. Die Engagementberichterstattung der Bundesregierung (Thomas Klie & Michael Hüther)

Leider kommen die Autoren zum Ergebnis, dass Engagement und Zivilgesellschaft „weithin im Souterrain politischer Bedeutung platziert ist“ (573). Das gilt sowohl für die Medien, in denen Schlagzeilen und Events im Vordergrund stehen, als auch für die politische Resonanz. Diese untergeordnete Wahrnehmung wird der Bedeutung des Themas nicht gerecht. Engagement der Zivilgesellschaft hat eine zentrale politische Dimension und ist ein „infrastrukturelles Querschnittsthema für die Demokratie“ (574). Wo Bürger sich aktiv einbringen, hat eine Gesellschaft mehr Vitalität und mehr Resilienz.Das Engagement der Zivilgesellschaft wird unterschätzt. Eine der zentralen Botschaften lautet: „Wir müssen Voraussetzungen für die Bereitschaft zur Mitgestaltung öffentlicher Angelegenheiten in der Bevölkerung und für die verschiedenen Spielarten der Verantwortungsübernahme schaffen“. (575)  Wenn Bundes- und Landespolitik dies wirklich ernst nehmen, hat sich die zweieinhalb Jahre dauernde Arbeit der Kommission gelohnt.     

Zusammenfassung:

Das Engagement der Zivilgesellschaft ist für eine lebendige Demokratie von unschätzbarer Bedeutung. In einem umfassenden Berichtsband haben die Autoren um Thomas Klie und Anna Wiebke Klie die Ergebnisse des Zweiten Engagementberichts für die Bundesregierung zusammengefasst. Es ist ein umfassendes Referenz- und Standardwerk für alle geworden, die sich mit Engagement, Zivilgesellschaft und dem Leitbild der Bürgerkommune befassen. Auch für die Politik in Bund, Ländern und Gemeinden ist „Engagement und Zivilgesellschaft“ ausgesprochen nützlich und hilfreich.

Verlagsinformation:

„Der Sammelband umfasst zentrale Expertisen und Beiträge für eine zukunftsorientierte Engagementpolitik und bietet vielfältige Impulse für die aktuelle Debatte um Zivilgesellschaft, Demokratie und Engagement. Er beinhaltet eine detaillierte Analyse und Aufbereitung der Datenlage zum personen- und organisationsbezogenen Engagement in Deutschland und Europa. Neue Erkenntnisse zur Ausgestaltung zivilgesellschaftlicher Strukturen werden vorgestellt, die für Deutschland und Europa politische Implikationen enthalten. Die Themen Bildung, Bürgerkommune, Daseinsvorsorge, Migration, Flucht und Integration werden in ihrer Bedeutung für die vielfältigen Engagementformen, die für eine vitale Zivilgesellschaft elementar sind, beleuchtet.“

 

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Grubengold – ein neues Referenzwerk zur Geschichte der Steinkohle

In Geschichte, Kapitalismus, Sachbuch on Dezember 25, 2018 at 4:48 pm


Mit dem Ende des Bergbaus in Deutschland liegt eine beeindruckende Steinkohle-Monografie von Franz-Josef Brüggemeier aus dem C-H.Beck-Verlag vor. Es ist keine tümelnde Festschrift, auch kein Foto-Souvenir-Buch.
Franz-Josef Brüggemeier hat in elf souverän geschriebenen Kapiteln die faszinierende Geschichte der Kohle von den Anfängen und der industriellen Revolution bis zum Abschied und dem Bergbau-Erbe dargestellt. Das ist ein neues Referenzwerk, das unspektakulär daherkommt und in seiner Fülle doch spektakulär IST.
Brüggemeier lässt nichts aus: Weder Streiks noch Konflitke noch Umweltschäden. Er beleuchtet die Rolle des Energielieferanten Steinkohle bei der Rüstungsindustrie und der Vorbereitungen auf den Krieg bis hin zu Klassenkämpfen, Subventionierung, Rationalisierung und Ewigkeitslasten.
Ja, die Kohle war Wegbereiterin des Industriezeitalters.
Ja, die Kohle hat den Wohlstand der Nationen in Europa ebenso ermöglicht wie den Aufstieg der Industriekonzerne und der Waffenproduzenten
Franz-Josef Brüggemeier schreibt in „Grubengold“ über diese Ambivalenz.
„Kohle hat unsere Welt verändert, im Positiven wie im Negativen“.
„Lange stand die Kohle für Fortschritt und Wohlstand. Sie ermöglichte einen ungeahnten Produktivitätsschub und lieferte die Energie, um aus den vormodernen Produktionsweisen auszubrechen. Ohne die Kohle wäre die Industrielle Revolution nicht möglich gewesen. Mit ihrer Hilfe erreichten die europäischen Gesellschaften bis ins 20. Jahrhundert hinein ein zuvor ungeahntes Entwicklungsniveau. Doch hatte dieser kohlegetriebene Sprung in die Moderne auch seine dunklen Seiten: Die Kohle lieferte die Energie für zwei desaströse Weltkriege, und die Bedingungen ihres Abbaus unter Tage waren für die Gesundheit der Arbeiter verheerend. Schließlich läuteten die Umweltbelastungen durch die Steinkohleförderung den Anfang vom Ende des wichtigsten fossilen Energieträgers in der Geschichte der Menschheit ein.“ (Brüggemeier)
Und so ist diese beeindruckende Monografie (456 Seiten, umfangreiches Literaturverzeichnis, Tabellen) ein Parforceritt durch die Industriegeschichte und einen prägenden Teil unserer europäischen Sozialgeschichte. Brüggemeier hat ein neues Standardwerk geschrieben. Es sollte nicht nur in den Revierländern Saarland und NRW auf vielen Gabentischen liegen – gerade weil es keine melancholische Nostaligerevue ist.
Brüggemeier ist der richtige Autor. Er hat schon seine Dissertation zur Alltags- und Sozialgeschichte der Ruhrbergleute von 1889 bis 1919 geschrieben. Er ist Professor für Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte an der Universität Freiburg.

Dr. Armin König

Davit Gabunia – Farben der Nacht – Ein bärenstarkes Debüt

In Roman on Oktober 24, 2018 at 8:51 pm

Davit Gabunia – Farben der Nacht
Ein bärenstarkes Debüt – Der Paul Auster Georgiens
Rowohlt Berlin

„Er steht und schaut. Hinunter auf ihn. Steht reglos, ebenso reglos, wie der daliegt, auf den er hinunterschaut“.
Davit Gabunia, herausragender Literaturkritiker in Georgien, steigt unvermittelt ein ins Geschehen bei seinem Romandebüt „Farben der Nacht“. Das geht gleich mitten rein in die Sinnesorgane. „Wie eigenartig Blut riecht“. Und er weiß, dass er diesen Geruch nie mehr vergessen wird, und er prägt sich die Szenerie ein: „Er steht und schaut auf den Körper hinunter. Schön ist er, denkt er. Diesen Gedanken kann er nicht zurückhalten“. Die „Farben der Nacht“ beginnen höchst intensiv mit einer Blutlache und einem sterbenden Körper mit zerschmetterter Stirn. Da ist einer, der diesen Todesfall fotografiert und dabei wohl Befriedigung empfinden wollte, aber nicht kann.
Harte Story, hartes Leben in Georgien, hartes Schicksal. Und eine knallharte Story. Hemingway? Könnte hinhauen, ist aber zu lange tot. Es gibt einen besseren Vergleich: Davit Gabunia ist der Paul Auster Georgiens, lakonisch und foto/filmbegeistert, das kann kein Zufall sein.
Ob dieser Fotograf, der steht und schaut, Surab ist, der Mann ohne Job, der sich um die Kinder Gio und Datuka kümmert, während Tina im Büro arbeitet? Bestimmt. Denn Surab ist nach dem einführenden Kapitel über den ermordeten jungen Mann der Erste, der zu Wort kommt.
Surab erinnert sich an den Moment im August 2012, an dem er den Mann mit dem roten Alfa Romeo zum ersten Mal in seinem Wohnblock in Tiflis gesehen hat. Der Name des jungen Mann ist Schotiko. „Es war ein völlig unnatürliches Rot“, lässt Davit Gabunia seinen Anti-Helden Surab sinnieren. Der langweilt sich, weil die Kinder bei der Schwiegermutter untergebracht sind (- es sind Sommerferien -) und die Frau Tag für Tag Überstunden macht und spät nach Hause kommt. Und so beobachtet Surab heimlich den Nachbarn im Nebenblock, sieht, wie zwei offensichtlich schwule Jungs auf dem Sofa sitzen und miteinander knutschen. Es ist der Beginn einer verhängnisvollen Obsession.
Das turbulente Jahr 2012, als die Georgier zunehmend unzufrieden werden mit ihrem Präsidenten Saakaschiwili, wird zur Folie und zum Rahmen der Krimigeschichte, die ziemlich schnell Fahrt gewinnt.
Surab wird zum heimlichen Beobachter des Alfa-Romeo-Nachbarn und stellt bald fest, dass der Alfa-Fahrer einen Romeo empfängt, einen hohen Beamten vom Staatsschutz. Das weiß er kurze Zeit später, weil er den Schlips-Typen im Fernsehen gesehen hatte.
So plötzlich wird das Setting Hitchcock-mäßig: Natürlich ist es das „Fenster im Hof“, das der erfahrene Autor und Kritiker Gabunia im lakonischen Paul-Auster-Stil wieder aufleben lässt. Am 28. August macht Surab die ersten drei Fotos vom mittelalten Staatsicherheitbeamten Merab und seinem jungen Romeo Schotiko, die er später wieder löscht, damit seine Frau Tina – es ist ihre Kamera – nicht sieht. Tags darauf sind es schon 200 kompromittierende Fotos. Er löscht wieder alle bis auf 30, die er auf den Laptop zieht und in einem Musikordner versteckt – in „einem Unterunterordner des Ordners“. Wie manche Männer das wohl so machen.
Surab ist unzufrieden, weil seine Frau nicht mit ihm schläft, weil sie entweder zu müde ist oder keine Lust hat. So wird die Ehe zum Frust. „Es ist sowas von ätzend, wenn sie nicht will und nur ich will. Das ist doch kein Sex mehr. Für sie ist es Pflicht geworden. … Manchmal glaube ich, sie hat mich satt.“ Neun Jahre sind die Beiden verheiratet, der 31jährige Surab sagt, er habe seine Frau noch kein einziges Mal betrogen. Um so mehr ärgert er sich, dass sie in diesem heißen August nicht scharf auf Sex ist. Tina aber ärgert sich, weil Surab sich verändert hat, extrem spät ins Bett geht und tagsüber verschlafen durch die Wohnung wandert.
Also vertreibt Surab sich die Zeit mit Spannen und Fotografieren – oder mit dem Taugenichts Ika, Sie saufen und kiffen zum Ärger von Tina.
Während die Ehe von Surab und Tina zunehmend kriselt und schließlich aus den Fugen gerät, nimmt auch die Geschichte der schwulen Lover Fahrt auf. Es kommt zum großem Eifersuchtsdrama, während in Tiflis die politische Lage kritisch wird. Nachdem im Fernsehen schwer zu ertragende Videos kursieren, wonach in den georgischen Gefängnissen gefoltert wird, herrschen in der Stadt „apokalyptische Verhältnisse“: Die Menschen begehren auf und wehren sich, schließen sich zu einem Oppositionsbündnis zusammen und gehen wütend auf die Straße
Am 2. September 2012 geschieht schließlich etwas, was alles verändert…
Surab filmt, was er nicht hätte filmen sollen. Ein Eifersuchtsdrama. Einen Mord. Und mit einer Erpressung will er eine Stelle bekommen, um seine Ehe, seine Familie, sich selbst zu retten.
Natürlich wollen wir nicht spoilern und hier nicht mehr verraten.
Das Buch fasziniert. Es ist hart und gut.
Armin König

 

Davit Gabunia: Farben der Nacht

übersetzt von: Rachel Gratzfeld

Rowohlt Berlin 2018. 192 Seiten

ISBN:  978-3-7371-0041-0