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Verstrickt und eitel, die Ordnung liebend – Die Staatsräte – Elite im Dritten Reich

In Geschichte, Politikwissenschaft on Juli 24, 2018 at 10:33 pm

Ein brillantes Buch von Helmut Lethen über vier Exzentriker, die den NS-Staat stützten – als Teil der kulturellen und wissenschaftlichen Elite im dritten Reich: Gustav Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Ferdinand Sauerbruch und Carl Schmitt. Sie waren nicht nur Ikonen des Hitler-Staats, sondern auch Idole der frühen Bundesrepublik.  Und sie waren allesamt schuldig, weil sie mit ihrer Komplizenschaft zu nützlichen Idioten eines verbrecherischen Regimes wurden. Ihre Rechtfertigungen haben sie nach Ende des Zweiten Weltkriegs in die Welt posaunt, und man hat sie posaunen lassen, da sie ein bisschen Widerstand geleistet haben, und ihnen als charismatische Ikonen auch in der BRD noch Kränze geflochten.  

Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen wagt ein Experiment: Er versammelt die vier umstrittenen „preußischen Staatsräte“, die als „Ikonen mit internationaler Reputation“ den Ruf des Dritten Reichs aufpolierten sollten, zu Gesprächen über Feindschaft und Scham, Volksgemeinschaft und Prothesen, Schmerz und Musik. Das ist insofern gewagt, als die vier Staatsräte sich wohl nie getroffen haben. Lethen bemerkt dazu: „Ich konnte kein Dokument finden, das bezeugt hätte, dass sich Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch und Schmitt jemals zu viert getroffen haben. Umso reizvoller war es, ihre Treffen zu erfinden. An Originaltönen herrscht kein Mangel, aber die Fiktion spricht lauter.“ Und so lässt Lethen „Geistergespräche“ führen: In sieben erfundenen Herrenabenden reden der brillante Jurist Carl Schmitt, der große Dirigent und Komponist Wilhelm Furtwängler, der schillernde Schauspieler und Generalintendant Gustav Gründgens und der charismatische Star-Chirurg und Charité-Direktor Ferndinand Sauerbruch über den Schein, den Feind, über Prothesen, über den Schmerz, über Gemeinschaft, über die Scham und schließlich über die Entscheidung.

Aus den fiktiven Gedanken und den imaginären Gesprächen  der vier Staatsräte präpariert Lethen die  Physiognomie der Hitler-Diktatur.

So erzählt er von der Neu-Gründung des Preußischen Staatsrates durch Goebbels.

„Der preußische Staatsrat war in der Zeit der Weimarer Republik ein Vertretungsorgan der preußischen Provinzen gewesen, eine Zweite Kammer in Preußen. Er hatte beratende Gesetzgebungsbefugnis; gegen Ende der Weimarer Republik war Konrad Adenauer als Vertreter Rheinpreußens Vorsitzender.“ (Lethen, 2018, 22)

Hermann Göring brach im Mai 1933 radikal mit dieser Tradition. Er setzte an die Stelle der alten Repräsentanten der Weimarer Republik den Stabschef der SA, Ernst Röhm, den SS-Reichsführer Heinrich Himmler, die Gauleiter der NSDAP in Preußen und seine Staatssekretäre. Außerdem wurden handverlesene Vertreter der Kirchen (Bischof Wilhelm Berning und Landesbischof Ludwig Müller) der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Künste in den neuen Preußischen Staatsrat berufen. Sie dienten als Feigenblatt für ein verbrecherisches System, das sich den Anschein  gab, „eine Stätte sachlichen Erörterns von Verwaltungsfragen und damit ein Gegengewicht den den Parteibetrieb“ (Carl Schmitt) der NSDAP zu sein.

Die berufenen Günstlinge konnten ihrer Eitelkeit frönen und sich bedeutend und ausgezeichnet fühlen (Carl Schmitt noch 1951, als der Krieg längst vorbei war), sie genossen den persönlichen Schutz von Goebbels, was Gründgens tatsächlich zu Gute kam.

Dieser reaktivierte Preußische Staatsrat hatte nur Alibicharakter, denn Hitler führte anderes im Schilde. Sein Ziel war nicht die Erhaltung der Länder, sondern deren Liqidation. Und das Feigenblatt Staatsrat ist dem Führerprinzip verpflichtet.

Die Nazis zu zähmen durch eine solche Veranstaltung, war schlicht unmöglich.

Und so stellt Lethen trocken fest: „Die Berichte über die Eröffnungsfeier belegen, dass rationale Konzepte des Staats, deren Umsetzung sich Presseorgane wie die „Vossische Zeitung“ (…) und wahrscheinlich auch Finanzminister Popitz und Carl Schmitt erhofften, schon am 16. September 1933 im Trichter magischer Rituale mit ‚Blutfahnen‘ versanken.

Das ist die Folie, der Rahmen für die Geistergespräche der Staatsräte stattfinden.

Es sind Filterblasengespräche. Da ist der Chirurg Sauerbruch, für den die Lehrjahres Kriegs „ein unverzichtbarer Gewinn an Erkenntnis für die Konstruktion von Prothesen“ sind. Da ist der Jurist Carl Schmitt, der bis heute Theoretiker der Rechten ist, und der auf die Bedeutung der politischen Unterscheidung von Freund und Feind verweist, die „menschlichen Handlungen und Motiven ihre Sinn“ geben (Schmitt) und auf die „alle politischen Handlungen und Motive“ zurückführten. Liberale sind für ihn naiv, da sie sich „eine Welt ohne Feinde vorgaukelten“.  Elektrisiert liest man Schmitt Theorien und ihre Wiederkehr im 21. Jahrhundert.

Da ist Gustav Gründgens, der nicht nur ein diabolischer Mime sein kann, der den Hamlet als höhnischen Höllenfürsten gespielt hat, sondern auch „ein geschliffener Bürokrat“, der als Intendant in budgetären Fragen gegenüber seinem Vorgesetzten rechenschaftspflichtig ist. Er ist ein Nachzügler im Quartett der Staatsräte, da ihn Göring nach einem heftigen Verriss durch den Völkischen Beobachter unter seine Fittiche genommen hat. Im ersten der Geistergespräch doziert er über den Schein und die Künstlichkeit. Sie sei der „kürzest Umweg zum Herzen der Menschen“. Er sieht sie als Teil der Natur des Menschen. „Seinen Schauspielern sage er immer: Machen Sie in ihrem Privatleben, was Sie wollen, aber bringen Sie mir den Alltag nicht auf die Bühne. Der Mensch ist dem Menschen verborgen. Und das ist gut so. Er zeige es auf de Bühne.“

Die Herren wenden ein, disputieren, lästern.

Im alles entscheidenden Punkt aber bleiben sie inkonsequent: Die sonst so Elitären und Einzigartigen bleiben Mitläufer, die in brutales System stützen, obwohl sie doch alles wissen und sehen müssten.

Sie retten sich in die neue Zeit.

„Gründgens wird 1954 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. Im Jahr darauf übernimmt er die Leitung des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg. Als er dort 1962 ein letztes Mal ‚Hamlet‘ inszeniert, ersetzt er da Wort ‚Gewissen‘ in der Schlegelschen Übersetzung durch das Wort ‚Bewusstsein‘: ‚So macht das Bewusstsein Feige aus uns allen.'“ (Lethen 2018, 262)

Lethen musste Geistergespräche erfinden, um die vier „Helden“ zusammenzubringen. „Persönlich herrschsüchtig und selbstverliebt waren die vier“, erläutert Lethen: „In ihren Echokammern konnten sie alles um sich herum ausblenden.“ War es Gleichgültigkeit? Führt Gleichgültigkeit gegenüber Politil zu Verstrickung?

oder wollten sie das doch immer? Da gab es ja sehr wohl ideologische Grundmuster, die zum rechten Denken gehören: „Bei ihnen war der Staat als Idee sehr wirkmächtig, Ordnung eine zentrale Kategorie.“

Es fröstelt einen, wenn man dies in Zeiten von AfD liest.

Helmut Lethen: Die Staatsräte – Elite im Dritten Reich: Gründgens, Furtwängler, Sauerbruch, Schmitt. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2018
Gebunden, 352 Seiten, 24,00 EUR

Dr. Armin  König

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James Comey auf der Suche nach der Wahrheit in Zeiten von Trumps Fake News: Größer als das Amt

In Politikwissenschaft, Sachbuch, USA on Juli 11, 2018 at 9:01 pm

Donald Trump wütet gegen ihn. Er zählt nach Hilary Clinton und Barack Obama zu seinen Hauptzielscheiben: Ex-FBI-Chef James Comey, der von Trump höchst persönlich gefeuert wurde. Hintergrund ist die Russland-Affäre, die Trumps Wahlsieg schwer belastet.
Trump nennt sich auf Twitter POTUS.
POTUS ist ein Wüterich.
POTUS ist eitel.
POTUS IST UNBERECHENBAR.
Nun rechnet James Comey ab mit Trump und dem System Trump, das korrupt ist und andere korrumpiert. Comey ist dabei nicht zimperlich.

Exemplarisch dafür stehen seine Bemerkungen zu Trumps Gesichtsfarbe bei der ersten Begegnung der mittlerweile verfeindeten Männer: »Sein Gesicht hatte einen leicht orangefarbenen Teint mit hellen Halbmonden unter den Augen. Ich nehme an, er trägt eine Schutzbrille, wenn er ins Solarium geht“. Da spricht Verachtung. Aber Comey kann auch anders. Er erzählt warmherzig von Lebenskrisen und Schwierigkeiten und wie man sie mit Ehrgeiz und Mut überwindet. Comey hat früh gelernt, sich durchzusetzen und seinen Fähigkeiten zu vertrauen.

Auf rund 370 Seiten zieht der gefeuerte Ex-FBI-Direktor, dem Eitelkeit durchaus nicht fremd ist, eine Bilanz seines Lebens. In 14 Kapiteln beschreibt er seinen Aufstieg als Jurist, seine Kämpfe mit der Administration, etwa mit der Regierung Bush, als es um unzulässige Foltermethoden ging.
Auch die Ermittlungen zu Hilary Clintons Email-Affäre bergen Sprengstoff. Comey beschreibt seine Zweifel, seine Emotionen, den Druck, unter dem er und seine Behörde immer wieder standen.
Doch all dies ist nichts gegen die Methoden eines Donald Trump, der nach Comeys Ansicht wie ein Mafiaboss agiert.

Christian Zaschke, der Rezensent der Süddeutschen Zeitung, bemerkt dazu:

»Comey hat in seiner Laufbahn unter anderem lange gegen die New Yorker Mafia ermittelt, und als er erstmals mit Trump und dessen Team zusammensaß, wähnte er sich in diese Zeit zurückversetzt. „Ich fühlte mich an die Klubs der New Yorker Mafia erinnert, die ich in den 1980er- und 1990er-Jahren als Staatsanwalt kennengelernt hatte“, schreibt er: „Der Ravenite Club der Gambinos. The Palma Boys Social Club, in dem ,Fat Tony’ Salerno mit seinen Kumpels feierte. Das Café Giordano, wo dem FBI 1988 ein erster großer Schlag gegen die Dons gelungen war.“ Dass ein ehemaliger FBI-Chef den amtierenden amerikanischen Präsidenten so offen mit Mafia-Bossen vergleicht, ist durchaus bemerkenswert.«

Comey pflegt eine klare, unmissverständliche Sprache.

”Der gegenwärtige Präsident ist ein Mann ohne Moral und agiert ohne jede Bindung an die Wahrheit udn die Werte unserer Demokratie«, stellt Comey knallhart fest. »Unter seiner Führung verkommt Politik zum reinen Geschäft, er ist egozentrisch und verlangt persönliche Ergebenheit«, schreibt Comey.

Diese Ergebenheit verlangt Trump schon beim ersten Treffen. Dabei sollte es nicht bleiben. Immer wieder fordert Trump bei den nächsten Treffen unbedingte Loyalität von Comey. Es sind Methoden, wie sie in Mafiakreisen üblich sind. Comey kennt diese Methoden aus seiner beruflichen Tätigkeit. Der Bogen wird überspannt,als Trump von Comey fordert, das FBI solle die Ermittlungen gegen Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn einstellen, der das FBI über Kontakte zu Russland belogen hatte. Das war nun massiver politischer Druck – rechtswidrig und mafiaähnlich.

Comey war nicht bereit, auf die Forderungen Trumps einzugehen. Die Folge: Comey wurde in einem präsidialen Alleingang gefeuert.

Vor diesem Hintergrund entstand das Buch »A Higher Loyalty – Größer als das Amt«.

Der Ex-FBI-Direktor:

»In gewissem Sinn ist A Higher Loyalty das Fazit eines seltsamen Abendessens im Weißen Haus, bei dem der neue Präsident der Vereinigten Staaten von mir verlangte, meine Loyalität gegenüber ihm – persönlich – über meine Pflichten als FBI-Direktor gegenüber dem amerikanischen Volk zu stellen.«

Er, Comey, habe gelernt, »dass es in unser aller Leben eine Loyalität gibt, die größer ist als die Treue zu einer Person, einer Partei oder irgendeiner Gruppierung. Und das ist die tiefe Loyalität gegenüber höheren, bleibenden Werten, allen voran der Wahrheit.«

Das ist ein bisschen viel Pathos, ein bisschen viel Pose, zumal auch Comey kein Chorknabe war. Da setzt sich einer, der geschasst worden ist, in einem Rechtfertigungsbuch in ein gutes Licht. Und er gibt zu, dass er nicht gern kritisiert wird. Aber Pathos ist im US-Wahlkampf üblich (vielleicht kandidiert Comey ja irgendwann für ein Senatorenamt). Und welcher Chef großer Institutionen lässt sich gern kritisieren?

Aber all dies sind Petitessen gegenüber den tiefen Einblicken, die dieses flott geschriebene Buch in den amerikanischen Apparat und seinen „Don“ Trump, den größten POTUS aller Zeiten, gewährt.

POTUS lässt sich schön verballhornen. Und die Verballhornung passt ja auch, wenn man den Steele-Report Revue passieren lässt. Es besteht aus 17 Einzelberichten, verfasst 2016 von Christopher Steele, einem ehemaligen Geheimagenten des britischen MI6. „Er war zunächst von einem republikanischen Gegenkandidaten Trumps angeheuert worden, später arbeitete er im Auftrag der Demokratischen Partei“, schreibt der „Stern“. „Vieles in Steeles Berichten deutet auf Konspiration zwischen dem Kreml und dem Wahlkampfteam Donald Trumps hin. Alles zusammengenommen ergibt ein verstörendes Bild, das zeigt, wie sich der russische Geheimdienst seit Jahren auf Trumps Kandidatur als US-Präsident vorbereitete.“ (Stern)

Gleichzeitig liefert das Dossier schlüpfrige Details über angebliche sexuelle Vorlieben und Eskapaden Trumps in einem vom russischen Geheimdienst überwachte Hotel und seine mögliche Erpressbarkeit.

Auch das kommt in Comeys Enthüllungsbuch zur Sprache – und ist von großer Bedeutung, wie die Nachforschungen von Sonderermittler Muller belegen, der bis jetzt bemerkenswerte Erfolge vorzuweisen hat. Umso faszinierender sind die anekdotischen Hinweise Comeys, was Trump in diesem Zusammenhang mindestens ebenso beunruhigt hat wie die politischen Ermittlungen.

Immer wieder habe der Präsident Comey darauf angesprochen, ihn gar aufgefordert, das Steele-Dossier zu untersuchen, um zu beweisen, dass es falsch sei. „Die Vorstellung, dass besonders seine Frau Melania glauben könne, er habe in einem Moskauer Hotel Umgang mit Prostituierten gehabt und diese aufgefordert, auf das Bett zu urinieren, schien den Präsidenten stark zu beschäftigen – weniger die Behauptung, der russische Geheimdienst besitze Videoaufnahmen davon.“ (FAZ)

»Größer als das Amt« ist ein unterhaltsames Buch, das den ohnehin weltweit kursierenden Zweifeln an Trumps Eignung für das Amt neue Nahrung gibt.
Die flott geschriebene Biografie ist ein Stück US- und Welt-Zeitgeschichte.

Dr. Armin König

James Comey (2018): Größer als das Amt. Auf der Suche nach der Wahrheit – der Ex-FBI-Direktor klagt an. Übersetzung: Biermann, Pieke; Liebl, Elisabeth; Schmitz, Werner; Siber, Karl-Heinz; Zeltner, Henriette. ISBN-13: 9783426277775. München: Droemer.